Sanitärer Notstand

Eine Milliarde Freiluft-Hocker

11/2016 - Ein Leben ohne ordentliches WC? Für ein Drittel der Menschheit ist das ganz normal. Der World Toilet Day am 19. November erinnert auch heuer wieder an den globalen Toilettenmangel und dessen weitreichende Folgen. Die gute Nachricht: Das Problem wird heute ernster genommen denn je, an neuen Lösungen für eine bessere Sanitärversorgung wird weltweit gearbeitet.

Zum Thema:

Interview mit Jack Sim, "Mr. Toilet"


Bowle aus der WC-SChüssel Im Café Jamban auf Java dreht sich alles um das Thema Toilette.

In China, Taiwan und Russland ist es schon länger möglich, seit dem Sommer gibt es die Skurrilität auch auf der indonesischen Insel Java: Essen in einem Lokal mit Themenschwerpunkt „Klo“. Im neuen Café Jamban sitzen die Gäste auf adaptierten WC-Sitzen, schöpfen Fleischbällchensuppe und Früchtebowlen aus Hock-WCs und tupfen sich mit Klopapier den Mund ab. Für Gäste, denen es bei dieser Essenspräsentation sauer aufstößt, hält Patron Budi Laksono vorsorglich Speibsackerln bereit. Lukullische Genüsse stehen bei ihm ohnehin nicht im Vordergrund, denn Laksono ist kein Haubenkoch, sondern Experte für öffentliche Gesundheit. Sein Anliegen ist Aufklärung: „In Indonesien müssen rund 94 Millionen Menschen ohne Toilette auskommen. Ich will meine Gäste auf diese Misere aufmerksam machen.“

Keine Toilette ist ziemlich teuer Sanitärer Notstand ist kein exklusives Phänomen Indonesiens. Weltweit leben 2,4 Milliarden Menschen ohne Zugang zu einer hygienischen Sanitärlösung. Für 950 Millionen Menschen ist sogar „offene Defäkation“ normal, so der Fachterminus für die Notdurftverrichtung auf Feldern, Bahngleisen oder in Flüssen. All das ist verheerend: Tagtäglich gelangen Millionen Tonnen Fäkalien in Böden und Wasser. Damit kommt es wiederum zu Wurmbefällen und Infektionen bei Menschen, die in der Folge zu Unterentwicklung bei Kindern und erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen können. Rund 1,5 Millionen Menschen sterben alljährlich an Durchfallerkrankungen, das sind mehr als drei Mal so viele Todesopfer als etwa Malaria verursacht. Und Durchfall als unterschätzter Killer steht mit der Sanitärkrise in engem Zusammenhang.

Sanitärer Notstand 2,4 Milliarden Menschen müssen ohne ordentliche Toilette auskommen, die meisten leben in Indien.

Wie teuer das Hygieneproblem letztendlich kommt, ist einer kürzlich veröffentlichten Analyse von Oxford Economics und WaterAid zu entnehmen. Demnach führten daraus resultierende Produktivitätseinbußen und Gesundheitskosten 2015 zu Verlusten von rund einem Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Andere Auswirkungen lassen sich gar nicht erfassen, von den Belastungen für die Umwelt bis hin zum Sicherheitsrisiko für Frauen, die ihre Notdurft nächtens im Freien verrichten.

Tag der Toilette Die Sanitärkrise ist also alles andere als ein triviales Thema. Jetzt im Herbst steht sie verstärkt im Rampenlicht: Erst Ende Oktober in Kuching, Malaysia, wo sich 600 Delegierte aus aller Welt beim „World Toilet Summit“ austauschten, demnächst in Mumbai, wo von 15. bis 17. November erstmals ein „Global Toilet Business, Innovation und Investment Summit“ stattfindet, und schließlich am 19. November, wenn die Vereinten Nationen den alljährlichen World Toilet Day begehen.


In Sachen WC „Mr. Toilet“ Jack Sim macht seit 15 Jahren auf die Sanitärkrise aufmerksam – und inszeniert sich gern mit Humor.

Dass über den Toilettenmangel heute so rege diskutiert wird, macht einen Mann besonders froh: Jack Sim gründete vor 15 Jahren die World Toilet Organisation WTO und setzt sich seitdem als „Mr. Toilet“ für eine Enttabuisierung des Problems ein, berät politische Entscheidungsträger und unterstützt unternehmerische Lösungen (siehe Interview). Dass im Sanitärsektor erhebliche Verbesserungen möglich sind, hat er selbst erlebt: Der heute 59-Jährige ist in einer Slumbehausung ohne WC in Singapur aufgewachsen, heute gilt der moderne Stadtstaat als eine der saubersten Ecken der Erde.

Noch sehr weit vom Singapur-Standard entfernt ist ein Land, in das es Sim in jüngerer Vergangenheit oft zieht: Indien. Denn von der knappen Milliarde Menschen, die gänzlich ohne WC auskommen, leben laut UNICEF 564 Millionen am Subkontinent. Und hier ist, seit Narendra Modi 2014 zum Regierungschef wurde, Bewegung in die Sache gekommen. Der Premier wünscht sich ein „sauberes Indien“ und ein konkretes Ziel seiner Hygienemission ist es, bis 2. Oktober 2019 die offene Defäkation auszumerzen – an dem Tag jährt sich der Geburtstag von Nationalikone Mahatma Gandhi zum 150. Mal. Im August berichtete Modi bereits über erste Meilensteine, nämlich, dass in den vergangenen zwei Jahren „mehr als 20 Millionen Toiletten errichtet wurden und in mehr als 70.000 Dörfern keine öffentliche Notdurftverrichtung mehr stattfindet.“ Ob das wirklich für jedes der Dörfer gilt, darf bezweifelt werden. Denn insbesondere in Indien leiden Toiletten unter einem schlechten Image. Sim spricht vom Phänomen der „Geistertoiletten“: Toiletten, die niemand nutzen will. Der Grund dafür? Speziell unter Hindis sind Exkremente ein noch viel größeres Tabu als irgendwo sonst auf der Welt. Und für viele gelten selbst Toiletten als so unrein, dass der Wunsch nach Latrinen am Wohnort mitunter klein ist.


Neue Kampagne der indischen Regierung: Auf Plakaten und in TV-Spots machen sich Kinder über Erwachsene lustig, die Smartphones, Fernseher und Motorräder besitzen und trotz allen Fortschritts Toiletten ablehnen.

Shame-on-you-Kampagne Indiens Regierung hat daher vor wenigen Wochen eine ungewöhnliche Kampagne gestartet. Echter Fortschritt zeige sich an der Toilettennutzung, so ihre Botschaft. Neuerdings dürfen Kinder auf Plakaten zu Erwachsenen Sätze sagen wie: „Du hast zwar ein Smartphone und trotzdem hockst du dich noch immer auf Bahngleise.“

Sim bezweifelt zwar, dass der Zeitplan Modis hält, lobt aber, dass sich das Land in die richtige Richtung bewege. Er selbst unterstützt den Prozess mit der Informationsschiene World Toilet College, die in drei Jahren rund 100.000 Menschen, von WC-Reinigungspersonal, über Manager bis zu Staatsbeamten, über die Wichtigkeit von Hygiene aufklärt und Sim half auch, das Franchisesystem Svadha auf die Beine zu stellen (siehe Kasten rechts oben).

Starthilfe Neue Angebote kann es jedenfalls nicht genug geben, speziell in den vom Toilettenmangel hauptbetroffenen Regionen in Asien und Afrika. Und diese Lösungen müssen vor allem in ländlichen Gebieten völlig neu gedacht werden. Denn: Für Toiletten mit Wasserspülung, die in ein Kanalsystem münden und zu einer Kläranlage führen, fehlt es oft an Grundlegendem: an Geld, an Wasser, an Energie. Seit einigen Jahren lädt daher die Bill and Melinda Gates Foundation unter dem Motto „Reinvent the Toilet“ ein, Lösungen zu entwickeln, die Exkremente in Energie, Dünger und Strom verwandeln. Die Stiftung unterstützt etwa das WC-System Loowatt, das derzeit in Madagaskar ausgerollt wird (siehe Kasten oben links). Und im Vorjahr ging ein Video um die Welt, das Bill Gates lachend beim Trinken eines Glases Wassers zeigt – frisch gewonnen aus Fäkalien. Möglich machte dies die Wundermaschine OmniProcessor, die gerade im Senegal getestet wird.

Starthilfe für Sanitärlösungen gibt auch die Toilet Board Coalition, ein Public Private Partnership aus Unternehmen, Geberorganisationen und NGO. Die Plattform hat heuer das Förderprogramm Toilet Accelerator aufgelegt. Es soll durch Know-how-Austausch und Zugang zu Kapital innovative Ideen zu skalierbaren Geschäftsmodellen ausbauen. In der ersten Runde unterstützen etwa der Unilever-Konzern sowie die britische und US-Entwicklungshilfe ein Sozialunternehmen aus Ghana in Fragen der Logistik und Kundengewinnung: „Clean Team“ vermietet an Haushalte Mobilklos, die gegen eine Monatsgebühr alle paar Tage entleert werden. Noch werden die Fäkalien in eine kommunale Kläranlage gebracht, Clean Team plant aber bereits die Verwertung für die Energie- und Düngemittelproduktion.

Seit Geschäftsstart vor vier Jahren hat das Unternehmen rund 660 Haushalte in Ghanas zweitgrößter Stadt Kumasi als Kunden gewonnen. Bei mehr als zwei Millionen Einwohnern, von denen sehr viele auf öffentliche WCs angewiesen sind, steckt wohl noch einiges an Potenzial. So wie an vielen Orten der Welt. Denn wie Jack Sim nüchtern meint: „Die Sanitärkrise ist so groß, es ist für jeden Anbieter genug zu tun.“

-----------------------------------------------

Praxistest in Madagaskar


Loowatt will bis 2020 Toiletten für zwei Millionen Kunden errichten.

Auf Madagaskar wird derzeit das preisgekrönte Toilettensystem des britischen Sozialunternehmens Loowatt getestet. Die mit einem biologisch abbaubaren Polymerfilm ausgekleideten Trockentoiletten verschließen Fäkalien in Kartuschen und lassen sich dadurch hygienisch entleeren. Toilettenbesitzer können von Nutzern eine Gebühr verlangen und darüber hinaus aus den Fäkalien in Biogasanlagen Dünger, Gas und Strom herstellen. Um Transport und Handling der Exkremente effizient zu gestalten – und sicherzustellen, dass unterwegs nichts „verloren“ geht – setzt Loowatt auf Identifikation der Behälter durch QR-Codierung. Rund 100 WC-Anlagen sind in der Hauptstadt Antananarivo bereits in Betrieb.


Svadha baut das Sanitärgeschäft in indischen Dörfern auf.

Sanitärshops in Indien
Das Social Enterprise Svadha unterstützt Kleinunternehmer in indischen Dörfern beim Aufbau von Sanitär-Shops. Svadha beliefert sie frei Haus mit allen Komponenten für den Toilettenbau und stellt Kapital und Training zur Verfügung. Ziel ist, die Sanitärunternehmer in die Lage zu versetzen, Qualitätstoiletten nach individuellen Kundenwünschen zu errichten und die WCs warten und reparieren zu können. Endkunden können bei Svadha ihre neuen WCs übrigens auch gegen Katastrophen versichern. Mehr als 200 Kleinunternehmer im Bundesstaat Odisha sind bereits Teil des Netzwerks und haben rund 80.000 Kunden beliefert. Nun sollen mithilfe des Toilet Accelerator Programms in den nächsten drei Jahren indienweit 8.400 Shops dazukommen, auch die internationale Expansion ist in Vorbereitung.



© corporAID Magazin Nr. 66
Redaktion: Katharina Kainz-Traxler
FotoS: Swachh Bharat, Svadha, LooWatt

Suche:  
Aktuelle Artikel

Privatschulen: Mehr als ein Lückenfüller

Die aktuelle Zahl: Sachlich bleiben

Klimafinanzierung: 100 Milliarden Dollar

Termine

30.5.2017 BMWFW Expertengespräch: Dialog mit starker Wirkung

12. 6. 2017 corporAID Multilogue: Planning for Impact

13.6.2017 corporAID Seminar: Globale Verantwortung praktisch umsetzen

Sie sind zurzeit nicht angemeldet.
» Anmelden » Registrieren » Passwort vergessen

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at