Die Entwickler

Wirtschaftstrend Nachhaltigkeit

11/2016 - Vielleicht wird 2016 noch das Jahr der historischen Wende: Anfang des Jahres traten die nachhaltigen Entwicklungsziele in Kraft, Anfang November folgt das Pariser Klimaabkommen. Mit den Absichtserklärungen zur Weltrettung könnte auch der globale Bedarf an umwelt- und klimafreundlichen Technologien stärker steigen. Österreich sollte diese Chancen nutzen.

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Interview mit Rochus Mommartz, CEO responsAbility

Für den stets lächelnden Ban Ki-moon endet seine zehnjährige Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen erfreulich: Denn der Weltklimavertrag, eine Herzensangelegenheit Bans, tritt noch vor seinem Abschied, nämlich am 4. November, in Kraft. Bis Redaktionsschluss haben 86 Länder mit mehr als 60 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes den Vertrag im Schnellverfahren ratifiziert. Verbindlich wird der Vertrag ab 2020.

Einfach wird es nicht: Will man den durchschnittlichen Temperaturanstieg gegenüber der vorindustriellen Zeit tatsächlich unter zwei Grad halten, ist es mit ein bisschen Energiesparen und ein paar Windrädern und Sonnenkollektoren nicht getan. Dazu wird es wohl auch harte und vermutlich unpopuläre Entscheidungen brauchen – allen voran der Abschied von Öl, Gas und Kohle mit allen Konsequenzen. Wie das konkret bewerkstelligt werden soll, steht allerdings noch nicht fest.

Das Zustandekommen des Klimaabkommens gilt als wichtiger erster Meilenstein eines umfassenderen, wenn auch öffentlich wenig wahrgenommenen Vertragswerks: der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, dem Nachfolgeprogramm der Millenniumsentwicklungsziele. Dieser Maßnahmenkatalog ist mit einem gewaltigen Ansinnen auf den Weg geschickt worden: Bis 2030 soll die Welt deutlich besser dastehen als heute, festgemacht an 17 so genannten Sustainable Development Goals, kurz SDG. Zu ihnen zählen neben der Eindämmung des Klimawandels die Beseitigung von extremer Armut, der Schutz der Ökosysteme, nachhaltige Siedlungsentwicklung, nachhaltige Konsum- und Produktionsstrukturen oder auch die Gleichstellung der Geschlechter.

Märkte im Wandel An Ambition mangelt es den Absichtserklärungen also nicht. Sicher ist aus heutiger Sicht nur, dass das Klimaabkommen und die Agenda 2030 eine Weichenstellung hin zu mehr Nachhaltigkeit darstellen. Und dies wird auch die Businesswelt stark prägen. Nicht nur, weil sich die politische Richtschnur und damit regulatorische Rahmenbedingungen zugunsten nachhaltiger Geschäftsmodelle wandeln, sondern auch weil die SDG zur Umformung existierender und zur Schaffung gänzlich neuer Märkte beitragen werden. So besteht weltweit ein enormer Bedarf bei Infrastruktur und Energie, Gesundheitsservices, Bildung und Wohnen. Das Investitionsvolumen allein in Entwicklungsländern beträgt Schätzungen zufolge rund 4.000 Mrd. Dollar pro Jahr. Und Regierungen, internationale Organisationen und Finanzinstitutionen sind auch schon dabei, entsprechende Förderrahmen zu entwickeln. So ist der Green Climate Fund, der ab 2020 Entwicklungs- und Schwellenländer bei Klimaschutzinvestitionen mit jährlich 100 Mrd. Dollar unterstützt, ein fixer Bestandteil des Weltklimavertrags. Details dazu sollen noch im November bei der nächsten Klimakonferenz COP 22 in Marrakesch festgelegt werden.


Unilever-CEOPaul Polman setzt auf die SDG.

Einer, der die Businessrelevanz der Agenda 2030 jedenfalls als hoch einschätzt, ist Paul Polman, CEO des Konsumgüterkonzerns Unilever und Chairman des Weltwirtschaftsrats für Nachhaltige Entwicklung WBCSD: „Betrachtet man die SDG mitsamt ihren 169 Unterzielen genauer, erkennt man, dass in gut 80 Prozent die Einbindung der Wirtschaft notwendig ist. Die Ziele bieten daher einmalige wirtschaftliche Möglichkeiten!“ Nicht zuletzt, weil die Kunden mitgehen. Im eigenen Konzern, so Polman, rechne sich Nachhaltigkeitsorientierung bereits: So würden Unilevers „Sustainable Living“-Marken, die soziale und ökologische Aspekte bereits integriert haben, um 30 Prozent schneller wachsen als der Rest des Unternehmens.

Impulsgeber Was steckt also drin in der neuen Agenda? Die SDG sind ein Impuls und eine Chance für die Entwicklung neuer, nachhaltiger Geschäftsmodelle. Zukunftsorientierte Unternehmen können anhand der SDG Handlungsanleitungen identifizieren, wenn sie sich folgende Fragen stellen: Zu welchen gesellschaftlichen Herausforderungen könnten wir durch Produkt- und Prozessinnovationen beitragen? Wie können wir daraus Zukunftsmärkte entwickeln?

Noch fehlt es in Österreich an namhaften Unternehmen, die sich öffentlichkeitswirksam zu den SDG bekennen und zeigen, wie sie selbst Schnittstellen zwischen den Globalen Zielen und ihrem Kerngeschäft definieren. International gibt es aber bereits Beispiele von SDG-Vorreitern. Dazu zählen der norwegische Lachsproduzent Cermaq, der sich für verantwortungsvolle Fischzucht aus Aquakultur einsetzt, seine Fischfarmen nach den Kriterien des Aquaculture Stewardship Council zertifizieren ließ und sich für branchenweite Verbesserungen im Rahmen der Global Salmon Initiative einsetzt. Oder die indische Tata-Gruppe, die Herausforderungen wie Ungleichheit und soziale Inklusion adressiert, indem sie durch das Kastensystem in Indien benachteiligte Jugendliche durch Ausbildung und Jobs fördert.

Viel zu Bieten hat die heimische Umwelt- und Energietechnik-Branche. V.l.n.r.: Kleinwasserkraft von Global Hydro, Solartechnik von Solid, Wasseraufbereitung von Uniha, Glasrecycling von Binder+Co.

Das Österreichische Angebot Auch wenn die SDG in Österreich erst noch ankommen müssen, wird der globale Nachhaltigkeitstrend von der heimischen Wirtschaft bereits mitgestaltet, wenn auch vor allem in der Nische. Denn schon lange entwickeln österreichische Unternehmen innovative Lösungen in SDG-relevanten Branchen wie Umweltschutz- und Energietechnik – und sind damit international erfolgreich. Einige Beispiele: Das Mühlviertler Unternehmen Global Hydro ist Spezialist für Kleinwasserkraft, liefert Turbinen von Chile über Kenia bis Sri Lanka und bereitet aktuell den Markteintritt in Myanmar und Costa Rica vor. Solid aus Graz baut weltweit thermische Solaranlagen und stattet derzeit ein Spital in Nicaragua mit einer Warmwasser- und Klimatisierungsanlage aus. Bachmann Electronic aus Feldkirch ist führend in der Automatisierungstechnik von Windkraftanlagen und setzt auf Märkte in China und Indien. Uniha Wassertechnologie aus Linz betreut als Spezialist für Wasseraufbereitung Projekte von Ghana über Turkmenistan bis Sri Lanka. Die Gleisdorfer Binder + Co exportieren ihre Siebtechnik- und Glasrecycling-Anlagen nach Korea, Indien und China.

Einige dieser Spezialisten zählen zu den rund 200 österreichischen Hidden Champions – mittelständische Unternehmen, die in Europa Marktführer sind oder weltweit zu den Top 3 zählen. Nachhaltige Technologie spiele bei vielen eine wichtige Rolle, sagt Georg Jungwirth, Professor an der Grazer Fachhochschule Campus 02 und Hidden Champions-Experte: „40 bis 50 Prozent betreiben in irgendeiner Facette grüne Technologie. Das muss nicht immer im Solar- oder Wasserkraftbereich sein. Dem Weltmarktführer im Bereich der Sondermetallurgie, Inteco, ist es beispielsweise gelungen, Stromverbrauch und CO2-Emissionen im Stahlschmelzprozess erheblich zu senken. Grüner Stahl ist eine tolle österreichische Innovation.“

Nische mit Zukunft Auch volkswirtschaftlich spielt die heimische Umwelt- und Energietechnikindustrie eine bedeutende Rolle, wie eine aktuelle Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts bescheinigt: Allein der produzierende Bereich erwirtschaftete 2015 mit rund 31.000 Beschäftigten einen Umsatz von knapp 10 Mrd. Euro, gegenüber 2011 ist das ein Plus von 18 Prozent. Die Branche wächst damit schneller als die heimische Wirtschaft insgesamt. Nicht zuletzt sicherte der innovative Zweig 2015 indirekt weitere 60.000 Jobs.


Green Tech als Beitrag zu den SDG: Umweltminister Rupprechter will heimische Unternehmen noch besser vermarkten.

Die Kunden sitzen dabei überwiegend im Ausland: 72 Prozent der Umwelt- und Energietechnik gingen 2015 in den Export. Bei der Präsentation der Studie waren sich Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, Umweltminister Andrä Rupprechter, Infrastrukturminister Jörg Leichtfried und WKO-Präsident Christoph Leitl dennoch einig, dass hier noch viel Wachstumspotenzial vorhanden ist: Die Branche gehöre weltweit professionell vermarktet und bei Forschung und Innovation unterstützt. Und nicht nur das. Kleinen Unternehmen fehle es oft an geeigneten Mitarbeitern und Know-how, um in fernen Märkten aktiv zu werden, weist Jungwirth auf weiteren Unterstützungsbedarf hin.

Es geht noch mehr Schon heute verfügt Österreich über eine breite Palette von außenwirtschaftlichen Instrumenten, von der Internationalisierungsoffensive Go International der WKO über Soft Loans der Oesterreichischen Kontrollbank und Angebote des Austria Wirtschaftsservice oder der Oesterreichischen Entwicklungsbank bis zur „Best of Austria“-Initiative des Lebensministeriums.

Und schon heute erfreut sich Austro-Technologie eines guten Rufs. Das bestätigt beispielsweise Marius Hager, Geschäftsführer von Global Hydro, für seinen Sektor: „Wasserkraft aus Österreich hat weltweit einen hohen Stellenwert. Gerade bei Kunden, die sich nicht am billigsten Preis orientieren, ist „Made in Austria“ ein großer Vorteil, denn es wird mit Qualität, Robustheit und Technologieführerschaft verbunden.“


Bernhard Puttinger Green Tech Cluster Steiermark

Handlungsempfehlungen für eine weitere Optimierung gehen in unterschiedliche Richtungen: Christian Friesl, Bereichsleiter Bildung und Gesellschaft der Industriellenvereinigung, empfiehlt, „die Leistungen und Kompetenzen österreichischer Unternehmen zur Lösung globaler Herausforderungen stärker zu kommunizieren. Nachhaltigkeit kann so zum Wettbewerbsfaktor in internationalen Märkten werden.“ Bernhard Puttinger, Geschäftsführer des Green Tech Clusters Styria, einem Verbund von 200 Unternehmen und Forschungseinrichtungen, würde begrüßen, wenn Österreich eine „First-in-Green-Tech Marke zur internationalen Positionierung“ anböte: „Viele Pionierleistungen könnte man besser kommunizieren.“


Christian Holter
Solid GmbH

Marcus Scheiblecker vom Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO lobt zwar Österreichs gute Positionierung bei Themen wie Gebäude-, Batterie- und Solartechnik, bemängelt aber, dass das Land „im Bereich der Umweltpatente relativ gut aufgestellt war, in den vergangenen Jahren aber vor allem von skandinavischen Ländern überrundet wurde.“ Christian Holter, Chef des Solaranlagenherstellers Solid, hält intensivere Kooperationen zwischen Exportwirtschaft und Entwicklungshilfe für sinnvoll: „Wünschenswert wäre eine Unterstützung der Projektentwicklung, die in Entwicklungsregionen mehrere Jahre dauern kann und mit hohen, für KMU schwer tragbaren Vorleistungen verbunden sind.“

Vorbild im Norden Wie eine integrierte Strategie zur Förderung nachhaltiger Geschäftsmodelle aussehen könnte, verrät der Blick nach Finnland: Hier setzt man schon länger auf die Verknüpfung von Innovation, Entwicklungshilfe und Außenhandel. Die Förderagentur Tekes vergibt jährlich rund 550 Mio. Euro für praxisnahe Forschung und Entwicklung sowie für Unternehmen mit globalem Wachstumspotenzial. Hauptzielgruppe sind KMU mit Fokus auf Gesundheit, Ressourceneffizienz, Energie sowie Digitalisierung.

Um nachhaltige Businesslösungen in Entwicklungsregionen voranzubringen, betreibt Tekes gemeinsam mit dem Außenministerium seit 2015 das Programm „Business with Impact“, kurz BEAM. Dieses setzt auf Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Finnland und Entwicklungsländern, die gemeinsam an Produkten und Services für ärmere Märkte arbeiten – erste Kooperationsvereinbarungen mit Vietnam und Tansania sind bereits unterschrieben. Für Marktstudien, Produktentwicklung und Demonstrationsprojekte kann BEAM in den nächsten fünf Jahren 50 Mio. Euro zur Verfügung stellen. Und das könnte gut angelegtes Geld sein, wenn es wie erhofft zu neuen nachhaltigen Geschäftsmodellen in aufstrebenden Märkten kommt.

© corporAID Magazin Nr. 66
Redaktion: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: UN Photo/Cia Pak, Manuel Elias

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HINTERGRUND

Grüne Zukunftsmärkte

Das globale Marktvolumen für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz wird bis 2025 jährlich um 6,5 Prozent wachsen.

@ corporAID Magazin Nr. 66
Redaktion: Katharina Kainz-Traxler
Fotos:UN Photo/Cia Pak, Manuel Elias, Global Hydro, Solid, UNIHA. BINDER+CO, UN Photo/Manuel Elias, beigestellt

 

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