ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Gründerzentrum in Bosnien

11/2016 - Zwei steirische Kleinunternehmen – Nippon Computer und Pfleger Bau – haben ein System entwickelt, das in Bosnien webbasierte Einkommensmöglichkeiten schaffen und lokale Wertschöpfung bringen soll. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.





Das Angebot stößt auf Interesse: viel Publikum bei einer Erstinformations-Veranstaltung.

Nedzad Biser kam vor zwanzig Jahren als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Österreich, als Fachmann für Informations- und Kommunikationstechnologie und Computerhändler baute er sich eine neue Existenz in der Südsteiermark auf. Biser blieb seiner alten Heimat verbunden und sammelte Kleider, Medikamente oder auch Spenden für ein Krankenhaus. Die Jahre vergingen, doch Bosnien kam kaum voran. Im Gegenteil: Ein Großteil der jungen Leute ist arbeitslos, und wer kann, der geht. Spitzenwerte erreicht das Land einzig bei den Telefontarifen – Auslandsgespräche sind ein Luxus.

Gemeinsam mit Günther Pfleger, Geschäftsführer einer auf Telekommunikationsnetze spezialisierten Baufirma, entwickelte Biser eine Idee, die diese Probleme in Bosnien bekämpfen und den beiden Unternehmern ein zusätzliches Geschäft verschaffen würde. Im Kern: Sie bieten gut ausgebildeten jungen Leuten in Bosnien die Möglichkeit, auf der Basis moderner Kommunikations-Technologie und eines günstigen Telefontarifs selbstständig Dienstleistungen zu erbringen, die sich in Europa und darüber hinaus verkaufen lassen. „In Zeiten von Internettelefonie und guten Datenverbindungen lässt sich sehr viel geistige Arbeit erbringen, ohne das Land zu verlassen“, erläutert Pfleger den Gedanken. Denkbar sind Tätigkeiten wie Übersetzen, Dolmetschen, Sekretariatsarbeit, Buchhaltung, IT-, Programmier- und Grafikleistungen, Marketing, Verkauf – auch lokaler Produkte – oder Beratung.



Die Partner IKT-Fachmann Nedzad Biser (links) und Bauunternehmer Günther Pfleger


Austrofon Der private Telefonanbieter hat Zulauf.

Geschäft mit Mehrwert Die größte Hürde nahmen die Partner sofort in Angriff. Sie eröffneten im Jahr 2012 in der Industrie- und Universitätsstadt Tuzla – nicht zuletzt Bisers Geburtsstadt – die Firma Austrofon und konnten in einem sehr aufwändigen Verfahren eine Telekommunikationslizenz erwerben. Zwei Jahre später standen dann auch Konzept und Finanzierung für die weiteren Schritte. Aus der Überlegung: „Was wir machen, ist Entwicklungshilfe auf hohem Niveau“, hatten die Unternehmer bei der Austrian Development Agency ADA mit Erfolg um eine Förderung im Rahmen einer Wirtschaftspartnerschaft angesucht. Die Zusage begründet ADA-Chef Martin Ledolter mit dem innovativen Projektansatz in Kombination mit einem ebenso klaren entwicklungspolitischen wie betriebswirtschaftlichen Ziel.

Die ADA-Kooperation brachte laut Pfleger weitere Vorteile: In der Konzeptionsphase half sie, „das Produkt zu verbessern“, in der Bewerbungsphase wirkte sie als Türöffner zu den bosnischen Gemeinden: „Sie vertrauen darauf, dass ein Projekt, hinter dem auch die österreichische Entwicklungsagentur steht, Hand und Fuß hat und über reines Privatinteresse hinausgeht. Daher unterstützen sie unsere Infoseminare nach Kräften – für reine Verkaufsveranstaltungen würden sie etwa ihre Räumlichkeiten nicht hergeben.“

Gateway zur Welt Und worin besteht nun das Produkt? Interessierte Selbstständige absolvieren ein umfassendes Unternehmertraining inklusive individueller Businessberatung und erhalten dann „das Werkzeug“: einen Computer und geeignete Software, sowie „den Werkstoff“: Cloud-basierte Services sowie Telefon- und Datenvolumen, zur Verfügung gestellt. Womit sie am Arbeitsplatz ihrer Wahl arbeiten können – Räumlichkeiten vermietet bei Bedarf das BIT Centar Tuzla, eine norwegische Gründung, wo auch die Trainings stattfinden. Die Teilnehmer erhalten weiters Unterstützung bei der Auftragsakquise und Zugang zu einem zentralen Verrechnungssystem – laut Pfleger ein entscheidender Punkt: Die Neo-Unternehmer müssen nicht selbst ihre Arbeitszeit erfassen und Rechnungen schreiben, das macht das System. Er fasst zusammen: „Die Jungunternehmer bringen Sprachkenntnisse, Fachwissen, Organisationstalent oder Ähnliches mit, alles andere stellen wir bereit.“

Für das Paket wird Austrofon eine monatliche Flatrate kassieren. „Der Jungunternehmer hat somit keine Anfangskosten und kann so schnell und zu wettbewerbsfähigen Preisen am Markt auftreten“, sagt Pfleger. Er ist überzeugt, dass das System überdurchschnittlich gute Verdienstmöglichkeiten bietet, vor allem dann, „wenn sich die Jungunternehmer nach dem Prinzip intelligenter Netzwerke auch gegenseitig fördern und einander Aufträge vermitteln.“ Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist klar: Austrofon nimmt hohe Investitionskosten auf sich und muss daher möglichst rasch einen entsprechenden Kundenstock aufbauen. Dass das gelingen wird, bezweifeln die beiden Profis nicht. Der Andrang bei den Informationsveranstaltungen scheint ihnen recht zu geben: An die 500 Personen haben bereits Interesse gezeigt.


Die Trainings für das neue Geschäftsmodell sind angelaufen.

Hohe Ziele Optimierungsphase Das System funktioniert bereits, sagt Pfleger, sie wollen sich aber noch Zeit nehmen, um das Produktpotenzial voll zu entfalten. „Die Systeme müssen pfeifen, sonst sind die Kunden gleich wieder weg“, ist die Devise. Pfleger rechnet damit, dass der Testbetrieb in Echtzeit Mitte 2017 anlaufen kann. Und dies trotz eines herben Rückschlags. Pfleger: „Es passierte, was wir bekämpfen“. Sie verloren einen sehr patenten Techniker an das Ausland.

Biser sei mittlerweile viel vor Ort und kämpfe wie ein Löwe, sagt sein Projektpartner. Sie kommunizieren per E-Mail und telefonieren derzeit mehrere Stunden pro Woche. „Es ist ein sehr spannendes Projekt“, zeigt sich Günther Pfleger guter Dinge, „und für mich eine herzlich willkommene Abwechslung zu unserem Tagesgeschäft.“

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KOOPERATION

Die Pfleger Bau GmbH im südoststeirischen Unterpurkla, die Günther Pfleger seit 2005 als geschäftsführender Gesellschafter leitet, ist seit 30 Jahren im Hoch- und Tief- sowie im Leitungsbau für den Energie- und Telekomsektor tätig. Vor zehn Jahren kam die Netzinstandhaltung dazu, seit einigen Jahren tritt Pfleger auch als Generalunternehmer für Netzbetreiber auf. Die Nippon Computer GmbH, 1993 von Nedzad Biser im südoststeirischen Feldbach gegründet, ist heute Entwickler und IKT-Dienstleister.

© corporAID Magazin Nr. 66
Text: Ursula Weber
Fotos: Pfleger Bau

 

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