Interview

Mit Abfall Energie gewinnen

08/2016 - Franz Neubacher wirbt und arbeitet weltweit für die Realisierung von Projekten zur energetischen Abfallverwertung – neben dem Recycling das wesentliche zweite Standbein der Müllbeseitigung. Mülldeponien sind ihm ein Dorn im Auge.


Franz Neubacher, Gründer von UVP Environmental Management and Engineering in Wien.

corporAID: Sie sind unter dem Stichwort Waste-to-Energy weltweit in Projekte involviert, gerade auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Worum geht es dabei?

Neubacher: Für die Beseitigung des Restmülls, der durch Industrie und Konsum in allen Regionen der Welt anfällt, spielt die Verbrennung eine wesentliche Rolle. Und es liegt nahe, diese mit Stromerzeugung zu verbinden. Das haben wir vor mehr als zwanzig Jahren beispielhaft in Lenzing gemacht. Kostenpunkt: rund eine Mrd. Schilling. Die Anlage hat drei Funktionen: Wir erzeugen Dampf und daraus Strom und Prozesswärme. Wir nutzen Abluft aus der Industrieproduktion für den Verbrennungsprozess und reinigen sie so. Und wir können rund 1.000 Tonnen Abfälle pro Tag verwerten und ersparen uns die Deponie. Die Anlage ist nachhaltig rentabel.

Taugt das Konzept aber tatsächlich für Entwicklungsländer?

Neubacher: Eine Verbrennungsanlage ist komplex, schwierig ist aber vor allem die Konzeption und Planung, weil es dafür hohe interdisziplinäre Kompetenz und Kreativität braucht – die Anlagen müssen ja an die regionalen Gegebenheiten angepasst werden. Und das Know-how dafür ist kaum vorhanden, weil in fast allen Regionen der Welt der Müll einfach deponiert wird. Mittlerweile wurde aber auch in Entwicklungsländern erkannt, dass Waste-to-Energy an den richtigen Standorten unbedingt sinnvoll ist. Und es gibt in jedem Schwellenland industrielle Standorte, wo Dampfkessel im Einsatz sind, die mit Kohle, Öl oder Gas befeuert werden. Wir verwerten stattdessen Abfälle und bieten zudem die Möglichkeit, auch Strom und Heizdampf, Fernkälte oder gar Trinkwasser über das Eindampfen von Meerwasser zu gewinnen. Wir betreuen Projekte von Mexiko über Ghana und Russland bis Australien.

Welche Hürden sind zu überwinden?

Neubacher: Wir arbeiten erstens am Verständnis, indem wir in Kooperation mit ISWA, der International Solid Waste Association, jährlich Studienreisen anbieten, um mit Interessenten aus aller Welt Vorzeigeprojekte in Zentraleuropa zu besichtigen und durch Information Bewusstsein zu schaffen. Der zweite Engpass ist die Finanzierung. Und da ist die schwierigste Phase der erste Schritt: die Finanzierung von Konzept und Feasibility Study. Hier geht es um einen Aufwand von 300.000 bis 500.000 Euro – und das ist das größte Handicap. Es ist nicht schwierig, 100 oder 200 Mio. Euro für ein großes Projekt zu aktivieren, wenn das Konzept und die Feasibility Study einmal vorliegen. Da springen dann auch internationale Finanzinstitutionen wie die Afrikanische Entwicklungsbank oder die Weltbank ein. Denn es gibt genug Geld, nur zu wenig gute Projekte. Wir haben bei den Studienreisen daher auch eine Schwelle eingebaut: Die Teilnahme ist nicht gratis. Denn wer am Ende des Tages eine Investition von 100 Mio. Euro bedienen will, aber die ersten 5.000 Euro nicht aufbringen kann, ist nicht relevant.

Welche Vorlaufzeit hat ein Projekt?

Neubacher: In Österreich dauert es erfahrungsgemäß fünf bis zehn Jahre. Man muss davon ausgehen, dass es in Entwicklungsländern zumindest genauso lange braucht.

Wie soll ein Land die Müllfrage angehen?

Neubacher: Wenn das Problembewusstsein da ist und der Wunsch, etwas zu tun, braucht man einen Masterplan. Was kann man getrennt sammeln, wo habe ich einen Absatzmarkt, wo brauche ich Energie, wo habe ich Dampfkessel oder Feuerungen wie in der Zementindustrie? Die Konzeptphase mit Masterplan ist unbedingte Voraussetzung für eine nachhaltige Ressourcenwirtschaft. Und genau hier liegt das größte Defizit. Ein schlechtes Konzept können Sie auch mit 100 Mio. Euro nicht mehr zurechtbiegen. Ein schlechtes Konzept ist eine vertane Chance.

Sind Sie auf solche Konzepte gestoßen?

Neubacher: Selbstverständlich! Wenn ich in Entwicklungsländern unterwegs bin, sehe ich fast ausschließlich schlechte Konzepte. Das liegt häufig daran, dass der Anlagenlieferant vorstellig wird und sagt: „Ich hab‘ die Antwort.“ Aber was war die Frage? Die Antwort einer bestimmten Müllverbrennungsanlage, die in Italien funktioniert, ist in Nigeria falsch.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 65
Das Gespräch führte Ursula Weber.
Foto: UVP

 

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