Technologieexport

Vom Abfall zur Ressource

08/2016 - Dass Müllberge ökologisch und sozial zur Belastung werden, wird allmählich auch in den ärmeren Ländern dieser Welt erkannt, vor allem in Ballungsräumen. Österreichische Lösungen sind gefragt. Das Thema braucht Zeit, doch einiges ist schon in Gang gekommen.

Zum Thema:

Interview mit Franz Neubacher, UVP

Honduras Recyclingstoff in Hülle und Fülle. Die PET-Flaschen werden im ganzen Land gesammelt.

Wenn die Stadt Rom ihren Abfall zukünftig Österreich und Deutschland überlassen will, freut sich die Branche. Denn wie Hans Roth, Präsident des Verbandes der Österreichischen Entsorgungsbetriebe, gegenüber der Tageszeitung „Die Presse“ erklärte: „Für die heimischen Entsorgungsunternehmen ist das Geschäft mit dem importierten Müll ein lukratives.“ Ob die österreichischen Kapazitäten für den zusätzlichen Job tatsächlich reichen, ist noch nicht geklärt, doch der Fall zeigt: Für die heimische Abfallwirtschaft ist Müll, anders als in vielen Regionen dieser Welt, ein positives Phänomen. Und das ist einer Vielzahl von Faktoren zu verdanken, etwa der guten Kooperation von Staat und Privat, ausgereifter Technologien und hoher Qualitätsstandards im österreichischen Entsorgungssektor, der in puncto Effektivität zur Weltspitze gehört. Daher ist heimische Technologie auch weltweit gefragt, vor allem dort, wo der Wille zur Entsorgung mit langfristigen Businessüberlegungen einhergeht. Denn: „Österreichische Technologie kostet“, kann etwa Franz Neubacher, ein Vordenker des heimischen Entsorgungssektors und Gründer des international tätigen Beratungs- und Planungsunternehmens UVP Environmental Management and Engineering in Wien, bestätigen, „aber sie hält, was sie verspricht.“


Franz Neubacher, Gründer von UVP Environmental Management and Engineering in Wien.

Fifty-Fifty in der Verwertung Wie in Deutschland und der Schweiz gelangt auch in Österreich rund die Hälfte des Siedlungsmülls in die stoffliche Verwertung, also ins Recycling, die andere Hälfte in die energetische Verwertung, also in die Verbrennung. „Mit dieser 50:50-Aufteilung haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Neubacher und kann das augenzwinkernd begründen: „Man ist am besten unterwegs auf zwei starken Beinen.“ Sein Metier ist die Müllverbrennung, wobei er klarstellt, dass diese für ihn nur in Verbindung mit einem Zusatznutzen sinnvoll in Frage kommt, sei dies die Produktion von Dampf, Wärme, Kälte oder noch besser Strom und die Entsalzung von Meerwasser. Die erforderlichen Technologien sind in Österreich weitgehend vorhanden.

Energetische Abfallverwertungsanlagen, erklärt er, sind hochattraktiv für Standorte, wo für solche Prozesse teure fossile Energieträger verfeuert werden und Mülldeponien die Umwelt belasten. Vor allem in Ballungsräumen von Entwicklungsländern beanspruchen Deponien immer mehr Fläche, verseuchen mit Schwelbränden, Rauchgasen und Gestank die Luft und belasten Boden und Wasser erheblich. Dieses Problem, aber auch die vorhandene Chance sind den Verantwortlichen mittlerweile akut bewusst.

Bei Neubacher, der in Österreich bei der Planung mehrerer Modellanlagen mitwirkte – sein Favorit ist die RVL Reststoffverwertung am Industriestandort der Lenzing AG –, gehen Aufträge aus aller Welt ein. So erstellte er Konzepte für Lahore in Pakistan, Lagos in Nigeria, Accra in Ghana, Addis Abeba in Äthiopien und ist auch in Guatemala, Mexiko und der Mongolei involviert. Seine Tätigkeit beschreibt er so: „Wir entwickeln Projekte, die zu den lokalen Gegebenheiten passen, machen die Feasibility Studien, damit die Risiken abgeklärt und die Wirtschaftlichkeit gesichert ist, schauen, dass alle notwendigen Verträge abgeschlossen werden, und achten darauf, dass die Anlagentechnik durchgeplant und spezifiziert wird.“ Auf dieser Basis könne man über internationale Tender bei entsprechender Einforderung von Qualitätsstandards und Referenzen kostengünstig einkaufen. „Wir bauen die Anlagen nicht“, betont er, „wir bleiben aber auf Kundenseite beratend tätig, damit dieser das nötige Know-how hat, um gegenüber den Anlagenbauunternehmen kompetent auftreten zu können.“

Anfrage aus Pakistan Für Lahore etwa, der zweitgrößten Stadt Pakistans mit rund zehn Millionen Einwohnern, erstellte Neubacher vor zwei Jahren ein Konzept für eine Müllverbrennungsanlage, die jährlich 800.000 Tonnen des relativ feuchten lokalen Mülls verwerten und Strom, der in Pakistan sehr teuer, weil knapp ist, erzeugen kann. Weitere Nutzen sind möglich. Neubacher: „Wenn die Anlage neben eine Düngemittelfabrik gestellt wird, können wir Erdgas einsparen. Oder wir stellen sie in den Industriedistrikt, wo mehrere alte Dampfkessel vorhanden sind, und ersetzen diese durch eine große saubere Anlage, die auch noch das Müllproblem löst.“

Das Projekt sei von den kompetenten Stellen in Pakistan mit größtem Interesse aufgenommen worden, es habe dann aber von chinesischer Seite Störaktionen gegeben: „Die Chinesen wollten ihre Technologien liefern mit der Behauptung, sie könnten alles, und das billiger. Tatsache ist aber, dass es ungleich teurer kommt, wenn die Technologie nicht erprobt und fehlerhaft ist.“ Es werde also noch dauern, Neubacher ist aber zuversichtlich, dass das Projekt realisiert wird, „weil die zuständigen Fachleute in Pakistan das unbedingt wollen“ (mehr siehe Interview).

Recycling Auch bei der Wiedergewinnung von Wertstoffen zeigt Österreich in mehrfacher Hinsicht eine Top-Performance. Beim Recycling von Siedlungsabfällen ist es die Nummer eins in Europa, bei der Verwertung von Altfahrzeugen die Nummer zwei, bei der Erfassung und Aufbereitung von Elektro-Geräten liegt es im Spitzenfeld und bei der Verwertung von Verpackungsabfällen ist Österreich sogar Vorreiter. Dennoch ist die Lage der Branche aktuell alles andere als rosig. Karl Loacker, Geschäftsführer von Loacker Recycling in Götzis, Vorarlberg, mit Schwerpunkt Metallrecycling, erklärte vor kurzem: „Allgemein leidet die Recycling-Branche unter den Überkapazitäten, die in den Jahren vor der Wirtschaftskrise aufgrund guter Verdienstaussichten aufgebaut wurden.“ Daraus sei ein Wettbewerb um die anfallenden Materialien, insbesondere Schrotte und Metalle entstanden, der die Gewinnmargen auf ein sehr niedriges Niveau drücke. Die geänderte Rohstoffpolitik Chinas und der niedrige Ölpreis verschärfen das Problem, wobei letzteres vor allem das Kunststoffrecyling betrifft. Investitionen in das bis vor kurzem höchst lukrative PET-Recycling lohnen sich zwar immer noch, „aber nicht mehr so wie in der Vergangenheit“, bedauert auch Paul Niedl, Verkaufsleiter von Starlinger Recycling Technology.

Als Lieferant von Hightech-Kunststoffrecyclinganlagen erlebt Starlinger die Hochs und Tiefs des Sektors unmittelbar mit. Firmen wie Starlinger und Co sind aber längst gewieft, am weltweiten Recyclingsektor Nischen aufzuspüren. So konnte das Traditionsunternehmen mit Produktionsstandort im niederösterreichischen Weißenbach seit der Eröffnung seiner Kunststoffrecyclingsparte vor rund 30 Jahren weltweit mehr als 450 Anlagen installieren. Über die Jahre änderte man die Strategie. War der ursprüngliche Schwerpunkt der Produktionsabfall, so steht nun der Konsumentenabfall im Vordergrund, wobei die ausgeklügeltste Technologie im PET-Flaschen-Recycling steckt.

Ein Gutteil der Starlinger-Anlagen ging in die EU, es gab aber auch Jahre mit guter Nachfrage aus Nord- oder Südamerika, sagt Verkaufsleiter Niedl: „Jedes Jahr ist anders.“ Lieferungen gingen auch schon nach Afrika, in den Nahen Osten, nach China und Japan. Indien falle als Markt praktisch flach, weil die dort sehr starke, auf Polyester – also PET-Flaschen – aufgebaute Textilindustrie die Flaschen auf Jahre hinaus aufkaufe: „Wer in Indien bottle-to-bottle produzieren will, hat das Problem, dass er den Rohstoff nicht bekommt.“ Das sei aber letztlich das Hauptproblem in allen Märkten: „Unsere Kunden brauchen die Sicherheit, dass am Markt langfristig genügend PET-Flaschen verfügbar sind.“


Paul Niedl, Verkaufsleiter von Starlinger Recycling, baut vor allem auf die USA und Asien.

Bestellung aus Honduras Einer der jüngsten Starlinger-Kunden, der Recyclingbetrieb Invema in Honduras, hat diese Frage gelöst, indem er die Errichtung eines landesweiten Sammlernetzwerks unterstützte. Niedl erzählt, dass der Firmengründer im Alter von nicht einmal 20 Jahren mit zwei Kollegen Schrott und später auch Papier und Kunststoff zu sammeln begann. Inzwischen sei er Mitte 40, führe ein stattliches Unternehmen und setze nun zusätzlich vermehrt auf PET. Nach dem Kauf eines Shredders und einer Waschanlage habe er nun zwei Anlagen von Starlinger mit einer Kapazität von je 8.000 Jahrestonnen PET geordert, die eine für die Flaschen-, die andere für die Verpackungsherstellung. Die Produktion geht fast zur Gänze in den Export. Waren dies in guten Zeiten 500 Container monatlich, so sind es zur Zeit nur halb so viele.


Invema Der Recylingbetrieb in Honduras vertraut auf Technologie aus Österreich.

Zu den Kunden in Afrika zählt ein indischer Polyesterfaserproduzent, der sich in der marokkanischen Tanger Free Zone niederließ. Er bestellte eine größere Starlinger-Anlage mit einem Ausstoß von 14.000 Jahrestonnen. Eine gleiche Anlage steht bei Extrupet, dem größten PET-Flaschenrecycler Südafrikas und laut Starlinger das erste Unternehmen am Kontinent, das recyceltes PET für Coca-Cola-Produkte herstellt. Eine dritte solche Anlage orderte ein ägyptischer Mischkonzern. Ein einziges längeres Telefonat an einem Freitagnachmittag führte direkt zum Verkauf. Niedl erwartet, dass Afrika als Markt noch an Bedeutung gewinnen wird. „Das Problem ist, dass die Abfallsammlung in Afrika nicht organisiert ist und informell erfolgt.“ Ähnliches gelte für Asien, wo sich Starlinger mit einer Verkaufsniederlassung in Indonesien in Stellung gebracht hat. Den größten Hoffnungsmarkt sieht Niedl in den USA, wo die PET-Sammelrate noch um zwei Drittel niedriger ist als im deutschsprachigen Raum.


PET-Recycling In Afrika sind drei solche Starlinger-Anlagen in Betrieb.


Michael Heinzlreiter, Marketingleiter von NGR, drängt in Richtung PET.


Maris Der indische Kunde von NGR lebt das Ideal der Abfallvermeidung sichtbar vor.

Auftrag aus Indien Ebenfalls ein weltweit tätiger Zulieferer von Kunststoffrecyclern ist die Next Generation Recyclingmaschinen GmbH, kurz NGR, die im oberösterreichischen Feldkirchen Maschinen herstellt, um Kunststoffe aller Art zu shreddern, zu zerreißen, zu schneiden oder zu verdichten und im gleichen Arbeitsgang zu granulieren. NGR hat in den zwei Dekaden ihres Bestehens mehr als 900 Maschinen und Materiallogistiklösungen verkauft, primär in der EU und den USA, aber auch im asiatischen Raum. In den USA und China wurde ein eigenes Test- und Servicecenter installiert, in Malaysien ein Vertretungsbüro.

Bis vor drei Jahren lag das Augenmerk des innovativen oberösterreichischen Maschinenbauers auf dem Produktionsabfall. Aus dieser Zeit stammt auch der Auftrag der südindischen Firma Maris, für NGR-Marketingleiter Michael Heinzlreiter ein Vorzeigekunde, weil diese Firma das Konzept der abfallfreien Produktion aus eigener Überzeugung heraus idealtypisch vorlebe. Die von NGR gelieferte Recyclinganlage mit eingebautem Shredder verarbeitet jährlich mehr als 1.000 Tonnen Abfall aus der Herstellung von Websäcken und Schüttgutbehältern zu hochwertigem Granulat, das in die Produktion zurückfließt. Dadurch kann Maris erhebliche Kosten sparen. „Vor Inbetriebnahme der Anlage konnte Maris den Abfall nur für einen Bruchteil der Rohmaterialkosten verkaufen“, weiß Heinzlreiter.

Seit zwei Jahren ist NGR mit einer völlig neuen Technologie auch für den Bereich PET-Konsumenten- und Industrieabfall gerüstet, dem es sich in Zukunft verstärkt widmen will. In der kurzen Zeit wurden bereits fünf PET-Recyclinganlagen ans Ausland verkauft.

Lieferung nach Vietnam Aus Sicht des Recycling-Profis Karl Loacker bieten österreichische Maschinenbauer Weltklassetechnologien für die Abfallverwertung. Hervorzuheben seien vor allem die Bereiche sensorbasierte Sortiertechnik, Sieb- und Magnettechnik, Wirbelstromscheider, Fördertechnik, Anlagenbau und Zerkleinerer mittlerer Leistungsgrößen. Ein Hersteller solcher Hightechprodukte ist die seit 45 Jahren bestehende Firma UNTHA aus Kuchl. Ihre Shredder nehmen es mit Sperrmüll ebenso auf wie mit Elektroschrott, Altreifen, Baumisch- und Krankenhausabfällen oder Pulperzöpfen – das sind Rückstände aus der Altpapierproduktion.


Vietnam UNTHA belieferte Holcim.

Unter UNTHAs Kunden befindet sich das Zementwerk des Baustoffriesen Holcim im Vietnam, das die Abfälle der landesgrößten Schuhfabrik als Ersatzbrennstoff verwendet. In Guatemala ist es der lokale Player Cementos Progreso, der sein Zementwerk ebenfalls mit Abfallbrennstoff beschickt, in Mexiko der Entsorger von gefährlichen Abfällen Neutratec. Besonders gut lief das Geschäft in der Türkei an. Hier wickelten die Salzburger binnen eines Jahres drei Aufträge ab. Die jüngste Lieferung von Spitzentechnologie mit einer Kapazität von zwölf Tonnen Material pro Stunde ging an den Stromkonzern Modern Enerji Elektrik Üretim A. S. für die Zerkleinerung von Papierrückständen und Pulperzöpfen, die bisher deponiert wurden.


Marco Egger Sales Manager von L-RT, sieht den Zukunfts-
markt in China.

Treuer Kunde in Ägypten Auf eine längere, nämlich 70-jährige Tradition als Hersteller von hochpotenten Shreddern aller Art und Systemlösungen für die Ersatzbrennstoffaufbereitung und das Kunststoffrecycling blickt die Lindner-Recyclingtech GmbH, kurz L-RT, aus Spittal an der Drau zurück. Sie baut Maschinen für die Zerkleinerung von Papier, Kunststoffen, Gummi, Holz, Textilien und vielem mehr. Zu den Schwerpunktmärkten abseits der EU und den USA zählt Ostasien. „Wir sehen einen großen Zukunftsmarkt in China, wo die Regierung das Thema Umweltschutz in den nächsten Jahren forcieren will. Die Abfallaufbereitung und -wiederverwertung ist in den Megastädten eine zentrale Herausforderung geworden“, erklärt Sales Manager Marco Egger.

Zu Lindners Kunden zählt etwa die Stiftung Proamb in Südbrasilien, die Sonder- und Industrieabfall für die energetische Verwertung aufbereitet. Die Kapazität der gelieferten Maschine liegt auch bei störstoffreichem Material bei zehn Tonnen pro Stunde. Unweit von Kairo hat der führende ägyptische Recycler von Siedlungsabfällen Ecaru bereits fünf Shredder aus dem Hause Lindner im Einsatz. Gute Erfahrungen mit der ersten gebraucht gekauften Anlage führten zu weiteren Bestellungen. Der zuletzt gelieferte Shredder erreicht auch noch bei 50 Grad Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit eine Kapazität von 16 Tonnen Material pro Stunde. Abnehmer ist eine lokale Zementfabrik. Anfang dieses Jahres schloss Ecaru zusätzlich einen 5-Jahres-Liefervertrag mit der Zementfabrik Messebo in Äthiopien ab. Hier soll Müll aus Ägypten von nun an Kohle ersetzen.

Der Fall zeigt: Das grenzüberschreitende Business mit Müll funktioniert auch in Afrika. Und wenn dabei auch noch moderne Technologie zum Einsatz kommt, ist der Umweltnutzen ein doppelter.


© corporAID Magazin Nr. 65
Text: Ursula Weber
Fotos: INVEMA, Starlinger, NGR, UVP, UNTHA, L-RT

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