Großes Interview

„Only the paranoid survive“

08/2016 - Für Klaus Pöttinger, Mitgesellschafter des oberösterreichischen Familienunternehmens Pöttinger, gehört – frei nach Intel-Gründer Andy Grove – eine gesunde Portion Paranoia zum Erfolg als Unternehmer. Im Interview spricht er über die Schwierigkeiten des Standorts Österreich und darüber, wie er mit innovativen Produkten eine Million Tonnen CO2 einsparen will.

corporAID: Welche Herausforderungen stellen sich für einen österreichischen Mittelständler im Zuge der Internationalisierung?

Pöttinger: Wir sind ein in Oberösterreich stark verwurzeltes Unternehmen, wir waren jedoch nicht ganz sicher, ob unser kooperativer Stil in allen Ländern verstanden wird. Unser großer Stolz ist es, dass wir in den knapp 150 Jahren unseres Bestehens stets alle Schulden beglichen haben: Wir sind keinem Mitarbeiter, keinem Lieferanten, keiner Bank je etwas schuldig geblieben. Und auch unsere Kunden haben wir nie hängen lassen. Unsere entgegenkommende, kooperative Arbeitsweise ist aber in manchen Kulturen geradezu eine Einladung zum Missbrauch. Heute kann ich dennoch sagen, dass wir damit fast überall Erfolg haben. Nur in den USA ist das etwas schwieriger – da sind die Haie so zahlreich, dass sie nicht auffallen.

Die zweite Herausforderung, mit der wir bei unserer Internationalisierung konfrontiert waren, war die Suche nach Mitarbeitern an Produktionsstandorten außerhalb Österreichs, die dieses kooperative Gen mitbringen. Wir haben heute Werke in Deutschland und Tschechien. Vor allem in Tschechien mussten wir lernen, dass unser Eigenbild als nette Österreicher nicht unbedingt mit dem Fremdbild übereinstimmt. Rückblickend kann man sagen, dass die Herausforderung beim Aufbau dieses Tochterunternehmens vor allem in der eigenen Öffnung und kulturellen Weiterentwicklung lag. Heute läuft es sehr gut dort: Wir haben 440 Mitarbeiter und konnten gerade die 10-jährige Ausbauphase abschließen.

„Wir sind quasi die letzten Mohikaner, die noch an den Standort Österreich glauben.“

Klaus Pöttinger

Sie haben 2015 einen Rekordumsatz hingelegt. Wie wird es mit dem Wachstum weiter gehen?

Pöttinger: Wir machen derzeit aufgrund der Milch- und Getreidepreise eine Wachstumspause und werden heuer rund fünf Prozent Umsatz verlieren. Aber die Wachstumsaussichten sind intakt. Als Familienunternehmen bleibt man auf solidem Kurs – wir müssen nicht 20 Prozent wachsen, auch wenn wir uns natürlich freuen, wenn das gelingt. Wir bauen gerade ein großes zentrales Ersatzteillogistikcenter in Taufkirchen in unmittelbarer Nähe zum Stammwerk, wo wir zudem 25 Mio. Euro in 12.000 Quadratmeter Hallenfläche für Produktion und Logistik investieren. Wir bereiten uns also auf eine kontinuierliche Entwicklung vor. Wir sind quasi die letzten Mohikaner, die noch an den Standort Österreich glauben.

Ist der Standort Österreich so schwierig?

Pöttinger: Ich würde sagen, er ist schlechter als sein Ruf. Aber wir haben unsere Wurzeln hier in Grieskirchen. Wir sind schon knapp 150 Jahre im Geschäft, wir werden auch diese Regierung überleben. Ich möchte meine Kritik an zwei Punkten festmachen: Wir hatten noch nie in der Unternehmensgeschichte in Österreich höhere Lohnkosten als in Deutschland. Gleichzeitig hatten wir noch nie einen so überbordenden Staat, der alles besser weiß, der uns mit hunderten Auflagen überschüttet, selbst aber nicht einmal in der Lage ist, eine Wahl abzuhalten. Die Standortqualität ist im freien Fall. Was in Österreich noch nicht begriffen wurde, ist, dass hohe Steuern letztlich zu Armut in der Bevölkerung führen. Wenn in der Schweiz ein Politiker eine Bankensteuer fordert, die von den Banken gezahlt wird, ohne dass die Einlagezinsen sinken und die Kreditzinsen steigen, lacht der ganze Saal. Denn die Schweizer wissen, dass Steuern Kosten sind, die zu höheren Preisen führen.

Wie beurteilen Sie den österreichischen Arbeitsmarkt?

Pöttinger: Leider wird das Bildungsniveau immer schlechter. Wir machen seit 50 Jahren die gleichen Einstellungstests für Lehrlinge, und da sieht man, dass Fragen, die vor 30 Jahren mit links beantwortet wurden, heute nicht einmal verstanden werden. Gleichzeitig zeigt die heutige Generation ein unglaubliches Engagement und eine große Lernbereitschaft. Es gelingt uns sogar besser als in den 1970er Jahren, neue Mitarbeiter für die Interessen des Unternehmens zu begeistern. Wir wurden gerade für das beste Ideenmanagement in Österreich ausgezeichnet. Jeder unserer Mitarbeiter macht im Schnitt vier Verbesserungsvorschläge pro Jahr. Während wir hier sprechen, werden zwei Vorschläge umgesetzt, ohne dass das Management eingreift.

Wo liegen die Wachstumsmärkte für Pöttinger Landtechnik?

Pöttinger: Unsere Wachstumsregionen sind Europa und die Industrieregionen in Übersee – Australien, Japan, Kanada, USA, China. Südamerika kennen wir, aber angesichts der Marktpotenziale anderer Länder, die wir noch sehr spärlich bearbeiten, haben wir uns entschlossen, an sich interessante Märkte wie Brasilien und Argentinien zurückzustellen. In Afrika sind wir zwar dann und wann auf Messen, aber an sich ist der Kontinent für uns noch nicht interessant. Da fehlt es an Basisinfrastruktur und einem entsprechenden Mechanisierungsgrad. Wir liefern Geräte hinter dem Traktor – wenn kein Traktor da ist, können wir nichts liefern. Wir brauchen Märkte, nicht Länder.

„Ohne Wachstum gibt es weder eine soziale noch eine finanzielle oder ökologische Nachhaltigkeit.“

Klaus Pöttinger

Wie sehen Sie das Thema Wirtschaftswachstum ganz allgemein?

Pöttinger: Ohne Wachstum gibt es weder eine soziale noch eine finanzielle oder ökologische Nachhaltigkeit. Heute macht sich in Europa eine Wachstumskritik breit. Da schlägt eine Ideologie durch, die ihre eigenen Erfolge mit Schuldgefühlen auflädt und die uns in unserem Denken stark behindert. Die Landwirtschaft hat im vergangenen Jahrhundert 3,5 Prozent Produktivitätswachstum pro Jahr aufgewiesen. Produktion und Produktivität werden in der Landwirtschaft weiter wachsen, da ist kein Ende in Sicht.

Wie sieht nachhaltiges Wachstum bei Pöttinger aus?

Pöttinger: Wir achten auf fünf Bereiche: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber und Umwelt. Die ersten vier Bereiche treten in der Regel für sich selbst ein. Bei der Umwelt ist das anders. Darum denken wir bei allen Entscheidungen systematisch mit, wie wir die Umweltbelastung reduzieren und die Energiebilanz verbessern können. Der Trend in der Landwirtschaft geht in Richtung größere Geräte und damit höhere Leistung. Wir versuchen, die besten Maschinen mit höchster Energieeffizienz zu entwickeln. Dazu kommen Themen wie die Vermeidung der Tötung von Rehkitzen durch Erntemaschinen. Wir haben uns damit fast zehn Jahre auseinandergesetzt und sind jetzt dabei, einen Prototypen zu testen. Wir werden vom Markt kein Geld dafür bekommen, doch die Problematik liegt uns am Herzen.

„Wir brauchen Handel und offene Märkte. Darum halte ich die Globalisierung für die große Chance unserer Generation.“

Klaus Pöttinger

Wie sehen Sie die Rolle von Unternehmen als Motor für Entwicklung?

Pöttinger: Überall auf der Welt sind es die Unternehmer, die Innovation und Produktivität vorantreiben, indem sie sich im Wettbewerb am freien Markt durchsetzen und damit Wohlstand schaffen. Leider ist das der Entwicklungspolitik viel zu wenig bewusst. Warum hat die Entwicklungshilfe der vergangenen Jahre so wenig zustande gebracht, außer dass sich die Eliten in den einzelnen Ländern durch Korruption bereichern konnten? Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Brandt-Kommission vor 40 Jahren die armen Länder für zu schwach erklärt hat, um am internationalen Handel teilzunehmen. Was sie damit erreicht haben, ist, dass die Produktivitätsentwicklung in all diesen Ländern zurückgegangen ist: Länder, die sich dem Wettbewerb gestellt haben, haben sich nachweisbar viel besser entwickelt als abgeschottete Märkte. Wenn man den Kern der Veränderung nicht in unternehmerischen Menschen und funktionierenden Geschäftsmodellen sieht, wird man nie eine selbsttragende Entwicklung induzieren. Das übliche Entwicklungsmodell ist ein mit unserem Schuldgefühl aufgepfropftes Gutmenschentum, das für die armen Menschen nichts bewirkt, sondern die Situation sogar noch schwieriger macht. Wir brauchen Handel und offene Märkte. Darum halte ich die Globalisierung für die große Chance unserer Generation, um auch die letzte Milliarde Menschen aus der Armut zu befreien.

Wie erklären Sie sich die verquere Sichtweise auf Unternehmen?

Pöttinger: Die Rolle von Unternehmen wurde schon immer unterschätzt, aber ich habe den Eindruck, dass es noch nie so krass war wie heute. Das hat viel damit zu tun, dass die Rolle von Unternehmen systematisch geschwächt wurde, weil sich die Politik gerne selbst als Treiber der Veränderung darstellt. Das hat auch mit dem Bild des Unternehmers in der Öffentlichkeit zu tun. Im Fernsehkrimi etwa ist der Unternehmer stets der Täter: Unternehmer werden porträtiert als Menschen, die aus Gier und Habsucht Miterben und Konkurrenten aus dem Weg schaffen. Dazu kommt eine große Ignoranz: Eine Umfrage in Oberösterreich ergab, dass die Leute denken, ein Unternehmen mache bei 100 Euro Umsatz rund 25 Euro Gewinn. Da man hier mindestens um den Faktor 10 daneben liegt, ist klar, warum die Bevölkerung nicht versteht, dass 100.000 Euro eine außerordentliche Belastung für ein Unternehmen sind. Nein, die denken: Der Pöttinger macht 300 Mio. Euro Umsatz, also 75 Mio. Gewinn, und dann jammert er beispielsweise wegen 100.000 Euro.

Sie haben sich mit 1. August aus der Geschäftsführung der Pöttinger Landtechnik zurückgezogen. Was waren die Beweggründe?

Pöttinger: Ja, seit 1. August bin ich nur mehr Gesellschafter der Pöttinger Landtechnik GmbH – auch das ist eine Form der Nachhaltigkeit, nämlich an seine Nachfolge zu denken. Übergänge im Betrieb geschehen meistens zu spät – diesen Fehler wollte ich vermeiden. Ich werde mich aber keinesfalls zur Ruhe setzen, sondern mich in Zukunft vor allem der Mobigas widmen, einem Spin-off unserer Entsorgungstechnik-Sparte, das mobile und modulare Biogasanlagen herstellt. Diese Anlagen haben den Vorteil, dass sie sehr gut in bestehende regionale Kompostieranlagen integriert werden können. Die Firma ist heute schon sehr international aufgestellt – wir verkaufen von China bis Brasilien und von Russland bis Singapur. Ich sehe ein enormes Wachstumspotenzial und damit auch weitreichende Möglichkeiten, etwas für die Umwelt zu tun. Ich möchte eine Million Tonnen an CO2-Emission einsparen. Dazu muss ich je nach Größe zwischen 100 und 150 Anlagen verkaufen. Damit rette ich nicht das Weltklima, aber ich leiste meinen Beitrag dazu.

Was ist Ihr Zugang zu Corporate Social Responsibility?

Pöttinger: Wir haben zum Thema CSR keinen Beauftragten im Unternehmen und auch keine eigene Strategie. Wir machen aber doch einiges, das Ausdruck unserer gesellschaftlichen Verantwortung ist, und unterstützen mit größeren und kleineren Sponsorings lokale Vereine und Initiativen. Ich persönlich unterstütze auch das Institute of Science and Technology Austria, weil ich Grundlagenforschung für wichtig halte. Ich habe mich auch vor ein paar Jahren gefragt, was ich für die Entwicklungshilfe machen soll. Einen Traktor oder einen Pflug zu schenken, erscheint mir sinnlos. Man muss die Menschen in Entwicklungsländern dort abholen, wo sie stehen! Ich habe den Aufbau einer Feldschmiede in Tansania unterstützt. Der Start hat sehr lange gedauert, aber heute gibt es immerhin einen Meister und drei Lehrlinge, die eine eigene Schmiede betreiben. Das ist aber mein persönliches Engagement.

Wie führt man ein Unternehmen in die Zukunft?

Pöttinger: Andy Grove hat diesen wunderbaren Satz geprägt: „Only the paranoid survive.“ Als Unternehmer muss man immer eine gewisse Paranoia haben. Was tut der Wettbewerb, was macht dieser besser, an welchen Strategien arbeiten andere? Man darf sich aber nicht hinter dieser Paranoia verstecken, sondern man muss sie als Teil seiner Aufgabe verstehen und mit Gelassenheit, Vertrauen und Humor zu seiner Balance finden.

Vielen Dank für das Gespräch!
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ZUR PERSON:

Klaus Pöttinger legte heuer nach 25 Jahren seine Funktion als Geschäftsführer der Pöttinger Landtechnik GmbH zurück und widmet sich nun voll und ganz der Pöttinger Entsorgungstechnik GmbH. Der 58-jährige Oberösterreicher stieg 1985 nach dem Maschinenbaustudium
in Graz in den Familienbetrieb ein – seit 1991 ist er gemeinsam mit seinem Bruder Heinz geschäftsführender Gesellschafter der Muttergesellschaft Pöttinger Landtechnik GmbH. Der Diplomingenieur absolvierte 2001 das OPM–Programm der Harvard Business School und war von 2004 bis 2013 Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich und Vizepräsident der IV Österreich.

ZUM UNTERNEHMEN:


Das Pöttingerwerk
in Grieskirchen

Land- und Abfallwirtschaftsprofi

Die Unternehmerfamilie Pöttinger ist seit mehr als 140 Jahren und in mittlerweile vierter Generation im Geschäft. 1871 im oberösterreichischen Grieskirchen gegründet, entwickelt und produziert die Pöttinger Landtechnik GmbH Landmaschinen aller Art. Mit Produktionsstätten in Österreich, Deutschland und Tschechien sowie Vertriebsniederlassungen in elf weiteren Ländern versteht sich Pöttinger heute als Global Player. Im Geschäftsjahr 2014/15 erwirtschaftete das Unternehmen mit knapp 1.650 Mitarbeitern einen Umsatz von 320 Mio. Euro. 2003 wurde zudem die Pöttinger Entsorgungstechnik als eigenständige Firma gegründet, die neben klassischen Abfallverwertungsmaschinen wie Presscontainern und Ballenpressen seit 2010 unter dem Namen Mobigas auch mobile und modulare Kleinbiogasanlagen produziert und vertreibt. Heute zählt die Entsorgungstechnik 150 Mitarbeiter und erwirtschaftete im vergangenen Jahr 18 Mio. Euro Umsatz.


© corporAID Magazin Nr. 65
Das Interview führte Bernhard Weber.
Fotos: Julia Weniger (ICEP)

 

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