Verantwortung in der Lieferkette

Ein Handy ist keine Banane

08/2016 - Es ist eine Herkulesaufgabe: ein technisch komplexes Produkt möglichst verantwortungsvoll herzustellen. Das Start-up Fairphone stellt sich dieser Herausforderung und verbessert Step-by-step die Lieferkette seines Smartphones. Angesichts neuer EU-Richtlinien zu Transparenz und Verantwortung ist das kleine Social Enterprise vielleicht bald Vorbild für manch größere Unternehmen.

Auf den ersten Blick fällt im Lebenslauf von Bibi Bleekemolen ein großer beruflicher Spagat auf: Die junge Holländerin war einst Aktivistin, wie sie selbst sagt, und reiste für ihren Job zu Rohstoffminen nach Zentralafrika und zu Elektronikfabriken nach China, um mehr über die Entstehungsgeschichte beliebter Elektronikartikel zu erfahren. Daheim in Europa teilte sie dann ihre Einblicke und klärte europäische Konsumenten darüber auf, dass ihre MP3-Player, TV-Geräte und Handys womöglich unter ziemlich fragwürdigen Produktionsbedingungen entstanden sind.


Bibi Bleekemolen, Fairphone, erfreut über Fairtrade-Gold in der Lieferkette.

Heute arbeitet Bleekemolen in der von ihr einst so skeptisch beäugten Elektronikindustrie. Doch das ist, auf den zweiten Blick, kein Widerspruch. Denn die kleine Kampagnenorganisation, für die sie sich lange engagierte, erlebte quasi einen Evolutionssprung – und entwickelte sich 2013 zum Sozialunternehmen Fairphone, ausgestattet mit einer neuen Mission. Die da lautet: die Elektronikbranche nicht länger von außen zu kritisieren, sondern sie „von innen heraus besser zu machen“.

Die Bessermacher Die engagierten Niederländer wollen seither mit einem eigenen Smartphone neue Maßstäbe in Sachen soziale Werte, Nachhaltigkeit und Transparenz setzen. „Unser Fairphone dient uns als Vehikel, um einen besseren Einblick in globale Wertschöpfungsketten zu bekommen, uns mit Lieferanten, Käufern und Mitbewerbern auszutauschen und zu zeigen, wie man verantwortungsvoller produzieren kann“, erklärt Bleekemolen, mittlerweile zuständig für den Bereich „Impact and Innovation“.

Länger nutzen Das Design des Fairphones ist auf Langlebigkeit ausgelegt, um Elektro-verschwendung zu minimieren. Das mit einer integrierten Schutzhülle ausgelieferte Gerät lässt sich leicht zerlegen, um bei Bedarf Module wie Bildschirm, Akku oder Lautsprecher austauschen zu können.




Das erste Fairphone ging 2013 in China vom Förderband, Ende 2015 folgte mit dem Fairphone 2 eine stark verbesserte Neuauflage. Die beiden Android-Modelle wurden inzwischen etwa 100.000 Mal in Europa verkauft, das Fairphone 2 ist seit März auch beim Mobilfunker T-Mobile in Österreich erhältlich. Das neuere Gerät mit Features wie 5-Zoll-Full HD-LCD Display, 2 GB Arbeitsspeicher, 4G LTE und Dual Sim ist zwar kein Wunderwerk der Technik, aber wohl ein solides Mittelklasse-Smartphone. Erhältlich um 529 Euro ohne Vertrag, wird es wahrscheinlich nicht sehr viele Schnäppchenjäger in den Einkaufsmodus versetzen. Doch können seine Nutzer im Gegenzug das wohl „fairste Smartphone am Markt“ ans Ohr halten. Das ergab zumindest eine Anfang Juli veröffentlichte Auswertung des Fraunhofer Instituts und der Deutschen Umwelthilfe, die 50 Experten aus deutschen und österreichischen Ministerien, wissenschaftlichen Instituten, NGO und Umweltverbänden zu Rohstoffabbau, Arbeitsbedingungen, Design, Lebenszyklus und Transparenz von Fairphone 2 befragt hatten.

Leider keine Banane Wer nun denkt, mit dem „fairsten Smartphone“ das technische Äquivalent zu einer Fairtrade-Bio-Banane zu erwerben, wird allerdings enttäuscht. „Ein hundertprozentig faires Handy wird es nie geben“, sagen die Holländer offen. „Ein Handy ist eben keine Banane, die von der Plantage bis in den Supermarkt eine übersichtliche Lieferkette durchläuft. Die Elektronik-Wertschöpfungskette eines Smartphones mit dutzenden Rohstoffen und hunderten Chips und Komponenten ist so komplex, dass wir nicht einmal die Zahl aller Lieferanten exakt eruieren können“, so Bleekemolen. „Was wir also tun, ist, Komponente für Komponente Verbesserungen zu erzielen.“

Allein an die 40 verschiedene Mineralien gelangen über den Bergbausektor in die Lieferkette eines Smartphones, deren Abbau zuweilen problematisch sein kann. Das wissen nicht nur die heute 50 Mitarbeiter des Amsterdamer Start-ups. Seit 2014 müssen etwa börsennotierte US-amerikanische Unternehmen gemäß Artikel 1502 des Dodd-Frank Act jährlich offenlegen, woher ihr verwendetes Tantal, Zinn, Wolfram und Gold stammt. Kommen diese vier „Konfliktmineralien“ aus der Demokratischen Republik Kongo oder ihren Nachbarstaaten, muss umfangreich belegt werden, dass sie nicht der Finanzierung bewaffneter Gruppen dienen. Eine Anstrengung, auf die viele Unternehmen lieber verzichten. Etliche zogen sich aufgrund des Dodd-Frank Act aus der zentralafrikanischen Region der Großen Seen zurück und bevorzugen nun „afrikafreie“ Bezugsquellen.

Auch die Europäische Union will den Handel mit den vier Konfliktrohstoffen regulieren. Ein im Juni präsentierter Gesetzesentwurf sieht vor, dass in der EU ansässige Rohstoff-Importeure sowie „Unternehmen von der Mine bis zur Schmelze“ künftig prüfen müssen, ob sie möglicherweise Konflikte oder Menschenrechtsverletzungen mitfinanzieren. Einschlägige Risiken müssen somit nicht nur identifiziert und offengelegt, sondern es soll ihnen auch entgegengewirkt werden. Anders als das US-Gesetz sieht der EU-Vorschlag keinen regionalen Fokus vor, sondern bezieht sich auf den weltweiten Bergbausektor. Allerdings sind jene Unternehmen, die verarbeitete Rohstoffe in ihre Produkte einbauen, ausgenommen – für sie werden die Sorgfalts- und Transparenzregelungen nur auf freiwilliger Basis gelten. Welche Schlagkraft die Richtlinie tatsächlich haben wird und wann sie überhaupt in Kraft tritt, ist noch offen.


Meilenstein für Fairphone Seit August steckt im Smartphone fair gefördertes Wolfram aus einer Mine im Norden Ruandas. Austropartner Wolfram Bergbau unterstützt das Vorhaben.

Freiwillige Pionierarbeit Fairphone ist von keiner der beiden Regelungen unmittelbar betroffen, dennoch baut das Start-up transparente Lieferketten zu allen vier Konfliktmineralien auf. Die Holländer gehen dabei bewusst auch in schwierige Märkte und selektieren ihre Rohstoffquellen mithilfe von Partnerorganisationen. Mit dem ersten Fairphone-Modell begann etwa die Kooperation mit der Conflict Free Tin-Initiative und der Solutions for Hope-Plattform, um Zinn und Tantal von zertifizierten konfliktfreien Minen in der Region von Süd Kivu und Katanga (DR Kongo) zu beziehen. Für Fairphone 2 gelang heuer der Aufbau einer Pilot-Lieferkette für faires Gold, bislang Neuland in der Elektronikindustrie. Das von einem kleinen Bergbauunternehmen in Peru stammende Gold erfüllt die Fairtrade-Vorgaben hinsichtlich sozialer und ökologischer Vorschriften. Hier arbeitet Fairphone mit Zertifizierer Max Havelaar zusammen – und auch mit einem bekannten österreichischen Unternehmen: AT+S, das die Leiterplatten des Handys nun mit fairem Gold bestückt. Seit August werden außerdem alle Fairphones mit Vibrationsmotoren aus konfliktfreiem Wolfram ausgeliefert. Aufgebaut wurde die Lieferkette ebenfalls mit einem Austro-Partner, nämlich der Wolfram Bergbau und Hütten AG, die über eine Zertifizierung des Conflict-Free Smelter Programms verfügt und für Fairphone eine vertrauenswürdige Wolfram-Mine in Ruanda fand.

Nicht nur bei den Rohstoffkäufen, auch in der Fertigung möchte Fairphone Verantwortung zeigen. Den dafür richtigen Auftragnehmer zu finden, war ein langwieriger Prozess. „Schließlich reißen sich Produzenten nicht gerade um kleine Auftraggeber, die noch dazu unangenehme Fragen stellen“, so Bleekemolen. In HI-P, einem Singapurer Produzenten mit Fabriken in Suzhou, China, fand sich schließlich ein Partner, der bereit war, gemeinsam mit dem kleinen Start-up sukzessive für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen – etwa durch den Aufbau eines Betriebsrats und eines Sozialfonds, durch engere Kommunikation zwischen Management und Arbeitern und auch durch die Senkung der maximalen Wochenarbeitszeit von 66 auf 60 Stunden. „Davon profitieren alle Arbeiter in der Fabrik, nicht nur jene an den Fairphone-Fließbändern“, sagt Bleekemolen.

Trend zu Transparenz Die eigene Lieferkette besser kennenzulernen, ökologische und soziale Auswirkungen zu identifizieren und transparent darüber zu berichten – das ist nicht nur ein Anliegen für ambitionierte Nischenproduzenten mit hohem sozialen Bewusstsein. Denn mit Jänner 2017 wird die Berichtspflicht für nicht-finanzielle Informationen zur Pflichtübung. Große, im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehende Unternehmen (wie börsennotierte Unternehmen, Banken und Versicherungen) mit mehr als 500 Beschäftigten müssen künftig über Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelange, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung berichten. EU-weit sind davon an die 6.000 Unternehmen direkt betroffen, in Österreich etwa um die 200. Doch indirekt ist ein Dominoeffekt bis auf KMU-Ebene zu erwarten: Als Lieferanten sind auch kleinere Unternehmen zunehmend gefordert, Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten und ihren Unternehmenskunden darüber zu berichten.

Die Vorgaben zu Transparenz und Sorgfalt steigen also. Sich hier stärker als die Konkurrenz hervorzutun lohne sich, ist Bleekemolen überzeugt. „Da Unternehmensverantwortung verstärkt von Politik und Zivilgesellschaft eingefordert wird, können engagierte Unternehmen so neue Kunden gewinnen.“ Nicht zuletzt gelten in der öffentlichen Beschaffung der EU seit heuer neue Vergaberichtlinien: Demnach soll nicht länger das Billigstbieter-, sondern das Bestbieter-Prinzip gelten, womit soziale und ökologische Ausschreibungskriterien verstärkt Niederschlag finden könnten – und in diesem Fall wiederum jene profitieren, die ihr verantwortliches Wirtschaften auch belegen können.


© corporAID Magazin Nr. 65
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Fairphone

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