Interview

Billig ist nur die halbe Miete

08/2016 - Siedlungsexperte Mohamed El Sioufi über schlecht geplanten Wohnungsbau für die Massen und warum höhere Einkommen besser sind als Subventionen.


Mohamed El Sioufi
berät seit 40 Jahren Regierungen und Organisationen wie
UN HABITAT, EU und Weltbank rund um Wohn- und Siedlungs-wesen.

corporAID: Wie groß ist die globale Wohnungsnot?

El Sioufi: Weltweit müssen heute an die 330 Millionen Haushalte oder 1,2 Milliarden Menschen mit inadäquaten oder Substandard-Wohnlösungen auskommen. In Entwicklungsländern haben Regierungen viele Jahre Migranten vom Land ignoriert, die auf der Suche nach Jobs in die Städte gezogen sind. Ihnen wurden weder Land noch Wohnungen geboten. Auch viele Arbeitgeber haben aufgehört, Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Wer also wenig verdient oder arbeitslos ist, siedelt sich in Slums an und entwickelt eigene Wohnlösungen, die nicht gerade städteplanerischen Vorgaben entsprechen. Heute gibt es circa eine Milliarde Slumbewohner, von denen 860 Millionen in Entwicklungsländern leben. In reicheren Ländern in Europa und in den USA hingegen mussten viele junge Erwachsene infolge der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zurück zu ihren Eltern ziehen. Auch das führt zu nicht adäquaten, überfüllten Wohnsituationen.

Ist Massenwohnungsbau die Lösung?

El Sioufi: Wenn der öffentliche Sektor daran scheitert, städtisches Wachstum vorherzusehen und entsprechend der potenziellen Nachfrage Wohnraum zu planen, wird Massenwohnungsbau jedenfalls notwendig. Einige Länder haben ihre Wohnungsnachfrage durch nationale Programme mit enormen staatlichen Investitionen und starkem politischem Willen in Angriff genommen. Als Best Practice gelten China, Chile, Marokko und Tunesien, auch wenn viele Lösungen erfolgreicher und nachhaltiger sein könnten.

Was sind typische Fehlplanungen?

EL Sioufi: Manche Massenwohnprojekte erfüllen ihren Zweck nicht, sind sogar zu leer stehenden Geisterstädten geworden. Das passiert, wenn man unter falschen Annahmen plant. Etwa, wenn öffentliche Bauträger städtische Lagen für sozialen Wohnbau zu teuer finden und stattdessen irgendwo in isolierten, billigen Landstrichen Wohnungen errichten. Wenn die Bewohner dann zwei bis drei Stunden in eine Richtung zu ihrer Arbeit ins Stadtzentrum pendeln müssen und noch dazu günstiger öffentlicher Transport fehlt, ist auch eine billige Sozialwohnung nicht mehr attraktiv – in Mexiko Stadt und Teheran gibt es solche Beispiele. In Angola wiederum entstand 30 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Luanda ein riesiges Wohnbauprojekt für 200.000 Niedrigverdiener. Doch die Wohnungen waren für sie zu teuer und blieben leer. Erst durch hohe Subventionen siedeln sich nun Besserverdiener an. Fehlplanung hat noch mehr Facetten: Massenwohnprojekte, in denen keine wirtschaftlichen Aktivitäten stattfinden, führen zu reinen Schlafstädten. Und der Schwerpunkt auf Eigentumsprojekte statt Miete schließt viele Niedrigverdiener aus. Eine wichtige Lektion ist, dass man die Bedürfnisse aller Gesellschaftsgruppen durch integrierte Wohnprogramme berücksichtigen muss. Auch muss der öffentliche Sektor ein förderliches Umfeld bieten und genug Grundstücke bereitstellen, gemischte Nutzkonzepte ermöglichen, auf soziale Durchmischung achten. Ich bin ein Fan des Wiener Wohnkonzepts, denn hier wurden viele der genannten Herausforderungen gemeistert.

Wie könnte der Privatsektor zu besseren Wohnlösungen beitragen?

El Sioufi: In Europa sind private Wohnprojekte gängig, die auf Quersubventionierung setzen – die Besserverdiener bezahlen die Wohnungen der Niedrigverdiener mit. Das funktioniert in gesunden Volkswirtschaften mit großen Mittelschichten, da können 80 Prozent die restlichen 20 Prozent querfinanzieren. In Entwicklungsländern ist das sozioökonomische Bild aber umgekehrt, es braucht daher andere Modelle. Ich denke, dass der Fokus in Entwicklungsländern ohnehin nicht in der Bereitstellung von subventionierten Unterkünften liegen sollte, sondern in der Entwicklung einer robusten Wirtschaft mit genügend Jobs. Wenn Menschen gut verdienen, haben sie auch auf der Suche nach der idealen Wohnlösung mehr Wahlfreiheiten und weniger Abhängigkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 65
Das Interview führte Katharina Kainz-Traxler.
Foto: beigestellt

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