Globales Wohnen

Eine Milliarde neue Häuser

08/2016 - Nicht nur in Wien ist der Wohnungsmarkt angespannt, sondern in vielen Städten auf der ganzen Welt. Sichtbares Zeichen dafür sind die vielerorts wuchernden Slumsiedlungen mit heute fast einer Milliarde Bewohnern. Über ihre Wohnsituation und mögliche Lösungen wird heuer besonders intensiv diskutiert.

Zum Thema:

Dollar Street – ein Projekt der Gapminder Stiftung

Interview mit Mohamed El Sioufi

Ungleiche Nachbarn Die Luftbilder des Fotografen Johnny Miller machen deutlich, wie nah sich Arm und Reich in Südafrika kommen. Im Bild: die Blechhüttensiedlung Kya Sands neben der Mittelklasse-Idylle Bloubosrand nahe Johannesburg.

Es war heuer im April, als Johnny Miller das erste Mal eine Drohne in den Himmel steigen ließ. Der amerikanische Anthropologe und Fotograf wollte lediglich ein paar Luftaufnahmen seiner Wahlheimat Südafrika machen. Aus dem Fotoexperiment wurde inzwischen fast ein Vollzeitjob. Laufend gibt Miller Interviews, im August eröffnete er in Johannesburg eine eigene Ausstellung, Folgeaufträge werden ihn bald in weitere Länder führen.

Woher das große Interesse an den Bildern südafrikanischer Städte kommt? Es ist wohl die Erkenntnis, wie unmittelbar Elend und Reichtum, Blechhütten und Villensiedlungen nebeneinander koexistieren, die fasziniert und die durch die Vogelperspektive mit einem Blick deutlich wird. Miller nennt es die „ins Stadtbild gemauerte Spaltung der Gesellschaft“ und begrüßt, dass seine Fotos in und außerhalb Südafrikas zu Diskussionen über Ungleichheit und Wohlstandsgefälle anregen.

Jede Woche eine Stadt Auch in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern könnte Miller wohl ähnliche Arm-Reich-Kontraste einfangen. Denn viele Städte, gerade in Subsahara-Afrika, Asien und Lateinamerika sind durch rapides Wachstum geprägt – in den vergangenen zehn Jahren sind etwa die Einwohnerzahlen von Lagos in Nigeria, Kabul in Afghanistan oder Chittagong in Bangladesch um jährlich mehr als vier Prozent gestiegen. Die Folge des Urbanisierungsdrucks sind oft riesige Elendsviertel, die sich auch in unmittelbarer Nähe von Businessdistrikten und zentralen Lagen ausweiten. Rund eine Milliarde Menschen leben heute in den Lehm- und Wellblechsiedlungen dieser Welt.

Dem Menschenrecht auf eine „adäquate Unterbringung“ entsprechen die selbst gezimmerten oder von „Slumlords“ mitunter teuer vermieteten Behausungen nicht: „Adäquates Wohnen heißt mehr als nur ein Dach über dem Kopf“, erklärt der internationale Siedlungsexperte Mohamed El Sioufi (siehe Interview), „dazu braucht es unter anderem auch rechtliche Sicherheit der Bewohner vor Zwangsräumungen, es bedeutet Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu Elektrizität und zu Sanitärversorgung, es verlangt außerdem eine gewisse Nähe zu Jobs, Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Und es muss leistbar sein, so dass maximal ein Drittel des verfügbaren Einkommens ins Wohnen fließt.“


Alejandro Aravena
chilenischer Pritzker-Architekturpreisträger

Dass über rasante Urbanisierung und ihre Folgen mehr nachgedacht wird, dafür setzt sich auch Alejandro Aravena ein. Der chilenische Architekt erhielt im April den prestigereichen Pritzker-Preis, sozusagen den Oscar seiner Zunft, für sein bisheriges Schaffen. Seit Mai ist er außerdem künstlerischer Leiter der Architektur-Biennale in Venedig. Das starke mediale Interesse um seine Person nutzt er, um die große Notwendigkeit von sozial ausgerichteter Architektur zu betonen. „Die Zahl der Städter, die unter der Armutsgrenze leben, wird sich bis 2030 auf zwei Milliarden verdoppeln. Eigentlich müssten wir jede Woche eine Stadt für eine Million Einwohner bauen – und pro Familie nicht mehr als 10.000 Dollar ausgeben“, skizziert er das Ausmaß des Problems – wohlwissend, „dass die Menschen in die Städte kommen, unabhängig davon, ob es Lösungen gibt oder nicht“.

Aravena selbst wurde durch seine „halben Häuser“ bekannt, die er erstmals 2004 für die chilenische Hafenstadt Iquique konzipierte. Die Regierung beauftragte ihn damals, für hundert Familien aus Favela-Quartieren bessere Wohnlösungen zu schaffen. Rund 7.500 Dollar an staatlichen Geldern standen ihm pro Familie zur Verfügung – nicht genug, um Bauland, Infrastruktur und ein ganzes Haus zu finanzieren. Seine radikale Lösung: Er baute nur halbe Häuser, bestehend aus einer 36 Quadratmeter-Basisunterkunft mit Zimmer, Küche, Bad, Stiege, Feuermauern plus Dach. Die zweite Hälfte komplettierten die Bewohner anschließend step-by-step nach eigenen Vorstellungen, dann allerdings mit Eigenmitteln. Aravenas Konzept der schrittweisen Verwirklichung von Wohnlösungen wurde rund zweitausend Mal in Chile und Mexiko umgesetzt, seinen Entwurf stellt der Stararchitekt unentgeltlich zur Verfügung.

Wohnbauhilfe
à la Chile:
Familien bekommen vom Staat eine Basis-Unterkunft bestehend aus Küche, Schlafzimmer, Bad und Dach und können diese später zum Mittel-klassehaus erweitern. Das „Half-of-a-good-house“-Konzept für sozialen Wohnbau machte den Architekten Alejandro Aravena international bekannt. Ein weiterer Schwerpunkt des Chilenen liegt im Wiederaufbau von Städten nach Natur-katastrophen.

Neue urbane Agenda Innovative Lösungen für leistbares Wohnen kann es nicht genug geben: Die Vereinten Nationen schätzen, dass in den nächsten zehn Jahren eine Milliarde neue Häuser gebaut werden müssten. Zudem, so hat es die Weltgemeinschaft im Herbst 2015 bei der Unterzeichnung der Ziele für nachhaltige Entwicklung vereinbart, sollen bis 2030 „Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig“ werden, mit dem Unterziel, dass „alle Zugang zu angemessenem, sicheren und bezahlbaren Wohnraum und der erforderlichen Grundversorgung erhalten, und Slums saniert“ werden. Nun gilt es, diese Visionen auf nachhaltige und klimaschonende Weise umzusetzen. Vom 17. bis 20. Oktober findet dazu in Quito, Ecuador, die HABITAT III-Konferenz statt, ein nur alle 20 Jahre wiederkehrender Weltgipfel rund um Wohnungswesen und nachhaltige Stadtentwicklung. Dort sollen die Leitlinien der Urbanisierung für die nächsten zwei Dekaden als „New Urban Agenda“ verabschiedet werden, eine Orientierungshilfe für Regierungen und Entwicklungspolitik. In Quito wollen viele Länder auch ihre individuellen Herausforderungen präsentieren.


Wahrscheinlich utopisch
Indonesien will bis 2019 slumfrei werden.

Sowohl Gastgeber Ecuador als auch Nepal wurden in jüngerer Vergangenheit von heftigen Erdbeben heimgesucht und suchen nach Strategien zum Aufbau resilienter Gebäude und Infrastrukturen. Indien wiederum will im Rahmen des 2015 lancierten „Housing for All“-Programms bis 2022 20 Millionen Häuser für ärmere Einwohner errichten, befindet sich bis jetzt mit knapp 20.000 Unterkünften jedoch erst in der Aufwärmphase. Indonesien legt sich die Latte besonders hoch und kündigt an, bis 2019 „slumfrei“ zu werden – ein ambitioniertes Ziel bei derzeit rund 29 Millionen Slumbewohnern. „100-0-100“ nennt sich das Programm: Hundert Prozent der Bevölkerung sollen Zugang zu sauberem Wasser haben, null Prozent in Slums leben sowie hundert Prozent eine adäquate Sanitärversorgung erhalten. Die Regierung will dafür 1,3 Mrd. Dollar investieren und hat zusätzlich zahlreiche Finanzierungszusagen bekommen – unter anderem wurde im Juli eine Finanzierungspartnerschaft zwischen der Weltbank und der neuen Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank bekannt gegeben, die jeweils 217 Mio. Dollar bereitstellen.

Sofa, TV, Dach Ob sich die Wohnbedingungen gerade ärmerer Bevölkerungsschichten künftig tatsächlich verbessern und wie spartanisch oder luxuriös Menschen heute leben, auf diese Fragen will ein aktuelles Projekt der schwedischen Gapminder-Stiftung Antworten liefern. Im September lanciert Initiatorin Anna Rosling das Fotoportal Dollar Street, das die Wohnsituation von Menschen auf der ganzen Welt detailreich dokumentiert: Von Böden und Wänden bis zu den Dächern, von Zahnbürsten und Sofas bis zu den „besten Schuhen“ wurde so gut wie alles abgelichtet. Um internationale Vergleiche möglich zu machen, errechnet Dollar Street aus Informationen wie Einkommen, Besitztümern und dem Konsum von gekauften und selbst erzeugten Waren eine Art Haushaltskonsumbudget pro Erwachsenen in Dollar Kaufkraftparität. Die bisher überraschendste Erkenntnis für Rosling: Die Art, wie Menschen wohnen, hat kaum mit der Kultur und viel mit der Haushaltskasse zu tun. „Auf dem selben Einkommenslevel finden wir auf der ganzen Welt identische Lösungen für Dächer, Kochstellen oder Sofas. Im selben Einkommenslevel hat man wahrscheinlich mehr Ähnlichkeiten mit Menschen in anderen Ländern und Kulturen als mit Leuten im selben Land, die mit einem anderen Einkommen leben.“

Dollar Street ist übrigens ein Open-End-Projekt: Aus den derzeit 250 abgelichteten Haushalten in 46 Ländern sollen bald 1.000 Haushalte in 200 Ländern werden. „Alle fünf Jahre werden wir außerdem zu den Haushalten zurückkehren, um die Veränderungen zu dokumentieren. So entsteht einzigartiges historisches Material“, so Rosling. Auch corporAID-Leser sind eingeladen, ihre Wohnsituation vorzustellen. Und wer eine Drohne zur Verfügung hat, kann es ja Johnny Miller gleichtun und sein Wohnhaus von oben ablichten. Wer weiß, welch neue Perspektiven sich ergeben.

© corporAID Magazin Nr. 65
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Johnny Miller, cristobal palma, Elemental,Dollar Street: G.Nirboyo, J. Eriksson, Z.Miller, Wikicommons Jonathan McIntosh

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