ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Andentourismus in neuer Qualität

08/2016 - Mit einer Förderung der Austrian Development Agency wagte das TourCert-Siegel für nachhaltigen Tourismus den ersten Schritt über Europa hinaus – und dies gleich in die ferne Andenregion. Das Angebot findet dort von allen Seiten regen Zuspruch.







Cusco Hier fanden Mitte 2016 die ersten TourCert-Workshops für peruanische Tourismusbetriebe statt.

Als Angela Giraldo, Gesellschafterin und Trainingsleiterin von TourCert, kürzlich von einem Beraterkurs aus Ecuador zurückkehrte, war sie enthusiastisch: „Ich bin begeistert von der Resonanz, die unser Projekt in Lateinamerika findet. Die Motivation aller Beteiligten vor Ort ist sehr groß. Es freut mich, das mitzuerleben! Und für das TourCert Andina-Team ist es ein Antrieb, voranzuschreiten.“


Florian Tögel leitet die TourCert Zertifizierungsstelle in Stuttgart.

TourCert Andina ist die erste Tochter von TourCert außerhalb des deutschsprachigen Raums, wo die gemeinnützige Einrichtung seit 2009 Tourismusunternehmen – vor allem Reiseveranstalter, aber auch Reisebüros, Unterkünfte und Destinationen – in puncto CSR und Nachhaltigkeit berät und zertifiziert. „In der Regel gestaltet es sich so“, erklärt Florian Tögel, Leiter der TourCert-Zertifizierungsstelle, „dass die Unternehmen im Rahmen der Erstzertifizierung vor allem die interne Optimierung in Angriff nehmen – Arbeitsbedingungen, Mitarbeiter-zufriedenheit, Büroökologie – und bei den Rezertifizierungen dann ihre Produkte und Wertschöpfungsketten analysieren und nachhaltiger gestalten, beispielsweise durch die Unterzeichnung des Kinderschutzkodex oder Nachhaltigkeitsvereinbarungen mit Lieferanten.“ Die Teilnahme an Fortbildungsworkshops, eine Bestandsaufnahme durch Datenerhebung, Stakeholderumfragen und die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts sind weitere Voraussetzungen für die Erstzertifizierung. Als Charakteristikum des TourCert-Systems nennt Tögel die kontinuierliche Verbesserung. „Wir begreifen Nachhaltigkeit nicht als einen Zustand, der irgendwann erreicht ist, denn man kann immer besser werden. Deswegen müssen Unternehmen auch jedes Jahr ein Verbesserungsprogramm erarbeiten und konkrete Ziele und Maßnahmen formulieren.“

Der Schritt ins Ausland war durch das TourCert-System selbst gefordert. Tögel erkärt: „Bei der Zertifizierung von Reiseveranstaltern wird verlangt, dass sie ihre Leistungspartner in den Zielländern auf standardisierte Weise zu Nachhaltigkeit befragen. Und das hatte offensichtlich zur Folge, dass bei den Partnern eine Sensibilisierung zum Thema Nachhaltigkeit stattfand und Interesse dafür geweckt wurde. Dadurch kamen immer wieder ausländische Tourismusunternehmen auf uns zu und wollten sich zertifizieren lassen. Wir mussten aber leider immer absagen, weil wir nicht vor Ort waren.“ TourCert entwickelte für Interessenten im Ausland allerdings ein onlinebasiertes System zur Selbstevaluierung mit e-Lernprogramm, den so genannten TourCert-Check, der bereits an 50 Betriebe weltweit verkauft wurde. Reiseveranstaltern bietet der Check eine gewisse Orientierung bei der Partnersuche.

Sprung über den Atlantik Dass der erste Expansionsschritt von TourCert gleich in die Anden führte, erklärt sich teilweise daraus, dass Angela Giraldo als gebürtige Peruanerin in ihrem Herkunftsland weiterhin gut vernetzt ist. Die relative Ursprünglichkeit des Andentourismus war ein weiteres Motiv, „weil man so von vornherein alles richtig machen kann“, sagt Tögel. Und nicht zuletzt bot die Investition in einer Entwicklungsregion die Chance, einen einschlägigen Finanzierungspartner zu gewinnen. Tatsächlich sagte die Austrian Development Agency ADA eine Kofinanzierung im Rahmen einer Wirtschaftspartnerschaft zu. Gunter Schall, Leiter des Referats Wirtschaft und Entwicklung der ADA, begründet die Förderung mit Verweis auf den Nutzen einer lokalen Zertifizierungsstruktur für die Entstehung eines nachhaltigen Tourismussektors in einer armen Region mit entsprechendem Potenzial. Auch hebt er hervor, dass TourCert sowohl ökologische als auch soziale Aspekte anspreche und große wie kleine Unternehmen adressiere. Schließlich lobt er das nachhaltige Geschäftsmodell: „Da die neue Struktur ihre Schubkraft vor allem durch ambitionierte Reiseunternehmen in Europa erhält, entsteht ein transkontinentales Qualitätsnetzwerk, in dem TourCert selbst auch wachsen kann.“ Neben der ADA unterstützen Gebeco und Viventura, zwei Reiseveranstalter mit Lateinamerikafokus, das Projekt.


Mit ministeriellem Rückhalt: die neuen TourCert-Berater in Bolivien

Hohe Ziele Eine Feasibility Studie, die TourCert im Vorfeld des Expansionsschrittes durchführte, erklärt Tögel, erbrachte zwei große Aufgaben, für die sich die Organisation vor Ort engagieren will: die geringe lokale Wertschöpfung im Tourismus zu heben und die ungelenkten Tourismusströme auf Schiene zu bringen. Durch die Studie erhielt TourCert aber auch Einblick in Rahmenbedingungen und Akteure des andinischen Tourismussektors und konnte so rasch zwei strategische Partner in Peru und Ecuador finden, TourCert Andina gründen und mit der Ausbildung von TourCert-Beratern beginnen. Das Interesse lag weit über den Erwartungen. „Mit 40 ausgebildeten Beratern ist unser Ziel für dieses Jahr übererfüllt. Dabei sind das alles Leute mit Erfahrung in Beratung und Tourismus, auch nachhaltigem Tourismus“, sagt Tögel. Der Wissenstransfer erfolgt bereits im Train-the-Trainer-System, wodurch die Präsenz von TourCert-Personal aus Deutschland immer weniger gefordert ist. Die Auditorenausbildung funktioniert ähnlich. „Das sind freiberufliche, unabhängige Gutachter, die wir nach Bedarf beauftragen werden“, sagt Tögel. Einen Riesenerfolg sieht er darin, dass bereits erste Workshops für Tourismusunternehmen stattfanden – die Werbetrommel hatten vor allem die Berater gerührt. „Es läuft erstaunlich gut. Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, bestätigt auch Tögel. „Das Interesse ist sehr groß – bei den Unternehmen wie auch auf politischer Ebene.“ Letzteres gilt besonders für Ecuador. Das dortige Tourismusministerium bietet TourCert volle Unterstützung für die Förderung der Nachhaltigkeit in der Tourismusindustrie.

Auf dieser Basis sollte es der Anden-Tochter gelingen, bis Ende 2017 mit gut einem Dutzend vergebener Zertifikate und noch mehr verkauften TourCert-Checks finanziell eigenständig zu werden. Und dann? „Dann geht es darum, sich lokal zu verankern. Und die Reise kann weitergehen“, sagt Giraldo, „als nächstes möglicherweise nach Kolumbien!“

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DAS UNTERNEHMEN


Das TourCert-Siegel für nachhaltigen Tourismus

Das rote Siegel für nachhaltiges Reisen

TourCert, von der Beratungs- und Bildungsorganisation Kate (Kontaktstelle für Umwelt & Entwicklung) und Partnern 2009 gegründet und seit 2015 als gemeinnützige GmbH mit Sitz in Stuttgart, Berlin und Köln geführt, treibt die Zertifizierung und Beratung von Tourismusunternehmen in den Bereichen CSR und Nachhaltigkeit voran. Das TourCert-Siegel wird an Reiseveranstalter (aktuell 70), Reisebüros (aktuell 4), Unterkünfte (aktuell 5) und Reiseziele (aktuell 10) vergeben. Ziel ist, ganze touristische Wertschöpfungsketten nachhaltiger zu gestalten.

Das TourCert-System baut auf den internationalen Qualitäts- und Umweltmanagementstandards nach ISO und EMAS sowie dem ISO-Leitfaden für Unternehmensverantwortung ISO 26000 auf. Über die jeweiligen Rahmenbedingungen der TourCert-Zertifizierungen und die Vergabe des Siegels entscheidet ein unabhängiger und ehrenamtlicher Rat, dessen Vorsitz aktuell Dagmar Lund-Durlacher von der MODUL-Universität Wien führt. Das Global Sustainability Tourism Council GSTC hat die TourCert-Kriterien offiziell anerkannt. Der deutsche Bundesverband kritischer Verbraucherinnen und Verbraucher präsentiert das TourCert-Siegel auf seiner Webseite mit dem Prädikat „besonders empfehlenswert“.

© corporAID Magazin Nr. 65
Text: Ursula Weber
Fotos: TourCert

 

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