Leitartikel

Marshall-Plan

06/2016 - von Christoph Eder


Christoph Eder
Chefredakteur

Angesichts der Flüchtlingsströme über das Mittelmeer hat Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen Monaten an Bedeutung gewonnen. Selbst in Österreich, das im Verhältnis zu seinem Wohlstand bisher vergleichsweise überschaubare Mittel für die globale Zusammenarbeit bereitgestellt hat, hat das Migrationsthema zu einem Umdenken geführt. In den nächsten fünf Jahren soll nun das Budget für österreichische Projekte auf rund 150 Millionen Euro verdoppelt und damit Vorhaben in den Herkunftsregionen der heutigen und potenziell zukünftigen Flüchtlinge und Migranten finanziert werden. Neben den aktuellen Krisenregionen im Nahen und Mittleren Osten ist auch Afrika in den Fokus gerückt.

Mit der Notwendigkeit einer verstärkten Kooperation mit unserem Nachbarkontinent wird immer öfter die Forderung nach einer neuen Strategie verbunden. Um hier etwas wirklich Großes zu erreichen, wird gerne von einem neuen Marshall-Plan gesprochen. Vor allem dann, wenn damit lediglich eine Ausweitung der bestehenden Entwicklungszusammenarbeit gemeint ist, werden einige fundamentale Fakten übersehen.

Denn der originale Marshall-Plan unterscheidet sich grundlegend von der Hilfe, die Afrika in den vergangenen vier Jahrzehnten erhalten hat. Der Marshall-Plan der späten 1940er und frühen 1950er Jahre bestand aus Darlehen für europäische Unternehmen, die diese an ihre lokalen Regierungen zurückzahlten. Letztere wiederum verwendeten das Geld für den Auf- und Ausbau von Infrastruktur – Häfen, Straßen, Eisenbahnen, Kraftwerke –, die der Wirtschaft dienten. Die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika hat stattdessen Regierungen und Entwicklungsprojekte finanziert, in den allermeisten Fällen ohne Beteiligung der lokalen Wirtschaft. Seit 1960 waren das rund 500 Milliarden Dollar, heute entsprechen internationale Hilfsgelder acht Prozent des BIP Afrikas – der Marshall-Plan erreichte zum Vergleich nie mehr als 3 Prozent des europäischen BIP.

Europa steht in Bezug auf Afrika vor Herausforderungen, die weit über Solidarität und eine Entwicklungszusammenarbeit, wie sie bisher praktiziert wurde, hinausgehen. Nicht zuletzt die aktuelle Migrationswelle stellt uns vor die gewaltige Aufgabe, Frieden, Freiheit und Wohlstand überall auf der Welt – und gerade in Afrika – zu schaffen. Denn das ist die Voraussetzung, dass hunderte Millionen Jugendliche und junge Erwachsene eine Perspektive in ihrer Heimat erhalten. Dabei sollte eines klar sein: Mit Geld allein lassen sich keine nachhaltigen Projekte kaufen – echte Investitionsmöglichkeiten können nur erfolgreiche Unternehmen schaffen.

Der originale Marshall-Plan gilt nicht zu Unrecht als die erfolgreichste Offensive der Geschichte für Frieden und Wohlstand. George Marshall hat das erreicht, indem er die lokalen Unternehmen gestärkt, kluge Investitionen ermöglicht und auf regionale Integration gesetzt hat. Das sind auch die Themen, die Afrika heute braucht.

© corporAID Magazin Nr. 64

 

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