Hidden Champion

Es war einmal ein Klingenschmied

04/2016 - Was vor mehr als 300 Jahren als Klingenschmiede in Weiz begann, ist heute ein spezialisierter Misch-konzern mit rund 1.800 Mitarbeitern und gut 30 Tochterunternehmen weltweit: Die steirische Knill Gruppe stellt Produkte für Stromübertragung und Sondermaschinen her und ist Partner bei Infrastrukturprojekten in Entwicklungsmärkten.

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Interview mit Christian Knill

Hochspannung erfordert nicht nur einen Mast und Seile sondern zahlreiche Komponenten wie etwa sogenannte Feldabstandhalter oder Hängeklemmen, die von der Knill Gruppe erzeugt werden.

Wenn Christian Knill seinen Besuchern erklären möchte, was denn eigentlich das Stammgeschäft des steirischen Familienunternehmens sei, zeigt er erst einmal auf einen Strommasten direkt vor dem Fenster seines Büros in der Eisengasse am Stadtrand von Weiz. „Alles, was zwischen Mast und Isolator sowie zwischen Isolator und Stromseilen befestigt ist, stellen wir her.“ Seit 2002 leitet er gemeinsam mit seinem Bruder Georg die Geschicke der Knill Gruppe, und das bereits in zwölfter Generation. Das Traditionsbewusstsein des Unternehmens zeigt sich nicht zuletzt im eigenen Museum am Firmengelände.

Von Klingen zu Armaturen Anno 1712 wurde das Weizer Schmiedeunternehmen Mosdorfer erstmals urkundlich erwähnt. Man fertigte Klingen für landwirtschaftliche Geräte und Säbel, die in der gesamten Monarchie zum Einsatz kamen. Sogar die Türken habe man beliefert, „das wurde aber bald verboten“, gibt Christian Knill eine Firmenanekdote zum Besten. Schließlich wollte man das Osmanische Reich nicht mit höchster Schmiedequalität versorgen. Ende der 1920er Jahre heiratete Friedrich Knill in das Unternehmen ein. Christians Großvater suchte damals nach alternativen Produkten für die Schmiede – die Nachfrage für landwirtschaftliche Geräte sackte ab, die Herstellung von Komponenten für die Hochspannungsübertragung bot sich hingegen an. Der gewonnene Auftrag für Freileitungsarmaturen für die Errichtung der 220-kV-Leitung Kaprun-Ernsthofen im Jahr 1949 ebnete schließlich den Weg der Gruppe in die Neuzeit, die sich heute auf zwei Bereiche, Knill Energy und Knill Technology, aufteilt (siehe unten).

Neben der von Friedrich Knill eingeläuteten Diversifizierung von Klingen zu Armaturen bezeichnet Christian Knill die von seinem Vater vorangetriebene Wachstumsstrategie der Gruppe als zweiten Meilenstein der Unternehmensgeschichte. Gunther Knill, pensionierter Seniorchef, erklärt: „Wenn man im konservativen Energiemarkt ein neues Produkt etablieren will, dauert das rund zwölf Jahre. So viel Zeit haben wir nicht, deshalb haben wir Unternehmen, die diese Produkte herstellen, schrittweise übernommen.“ Die Liste dieser Firmen ist lang: Zu den wichtigsten zählen Lorünser (1985), Elsta Mosdorfer (1989), Rosendahl (1997), CCL Systems (1999), Kurt Göhre GmbH (2002) sowie Nextrom (2005), BM Battery Machines (2010), Almatec (2012) und Graph Solutions (2014). 30 Tochterunternehmen in 16 Ländern gehören mittlerweile dazu und tragen zu den jährlich rund 250 Mio. Euro Umsatz der Gruppe bei. Dass man derart spezifische Komponenten nicht einfach so auf den Markt werfen kann, weiß niemand besser als Gunther Knill.

Vertrauensbusiness Der Seniorchef sitzt seinem Sohn Christian bei dessen Ausführungen zustimmend gegenüber und will dem Gespräch über diese Nischenbranche doch etwas aus seiner Geschäftsführerära hinzufügen: „Unser Geschäft ist ein Vertrauensgeschäft. Unsere Produkte kosten wenig, im Verhältnis zu einer Freileitung machen die Armaturen etwa fünf Prozent aus. Ob wir da ein wenig billiger anbieten, ist für den Kunden eher uninteressant. Aber wenn so ein Teil herunterfällt, entsteht ein Millionenverlust. Die Folgeschäden sind enorm, daher ist kein Energieversorgungsunternehmen daran interessiert, ständig neue Lieferanten zu suchen.“ Das Besondere an dem Geschäft: „Unser Know-how ist zwar groß, die Produktion ist einfach, aber auch für geringe Stückzahlen benötigt man einen aufwendigen Maschinenpark, deswegen gibt es kaum Unternehmen, die in diesen Markt einsteigen wollen“, führt Gunther Knill aus. Viele Produktionsschritte – Schmieden, Verzinken, Gießen, mechanische und wärmetechnische Bearbeitung – seien notwendig, unabhängig von der georderten Stückzahl. Der Bedarf an Armaturen und Lösungen für Infrastrukturprojekte steigt naturgemäß in Schwellen- und Entwicklungsländern.


Neue Fabrik Der Zubau des Mosdorfer-Werks in Nashik, Maharashtra, Indien, schreitet zügig voran.

Keine Entwicklung ohne Strom Wie die Knill Gruppe in diesen Ländern Fuß gefasst hat, erklärt Christian Knill am Beispiel Indien (siehe Interview). Der Subkontinent hat bekanntlich enorme Herausforderungen in der Bereitstellung adäquater Infrastruktur und ist daher ein wichtiger Markt für die Weizer, die schon vor 15 Jahren mit einem Vertreter in Indien zusammengearbeitet haben. „Wir wussten, dass wir von Österreich aus nicht in den indischen Markt einsteigen konnten, und haben mit unserem Vertreter ein Joint Venture aufgebaut, an dem wir derzeit 74 Prozent halten. Unser Partner ist für die Akquise zuständig, wir kümmern uns um die Produktion“, erklärt Christian Knill. Ursprünglich produzierte man südlich von Mumbai und übersiedelte später Richtung Norden nach Nashik, „weil wir dort bessere Mitarbeiter für die metallverarbeitende Industrie gefunden haben“, so Knill.

In Thailand stieg man 2009 mit der Übernahme von Ikebana Engineering ein. „Das Unternehmen produziert Verbindungen für Untergrundkabel, der ehemalige Eigentümer ist jetzt Geschäftsführer. Das Know-how für diese Produkte ist dort sehr groß, deshalb bringen wir uns fachlich kaum ein, nur bei Themen wie Rechnungswesen“, erklärt Knill. China hingegen ist für die Knill Gruppe ein reiner Beschaffungsmarkt, dort betreibt das Unternehmen ein Einkaufsbüro mit fünf Mitarbeitern. „In China fertigen wir nicht selbst, sondern kaufen von lokalen Lieferanten. Unsere Leute testen die Produkte vor Ort dahingehend, ob sie für internationale Märkte geeignet sind“, so Knill.

Die Batterieindustrie wird von der Knill-Tochter Rosendahl Nextrom mit Maschinen und Fertigungslösungen beliefert.

Untergrundkabel, der ehemalige Eigentümer ist jetzt Geschäftsführer. Das Know-how für diese Produkte ist dort sehr groß, deshalb bringen wir uns fachlich kaum ein, nur bei Themen wie Rechnungswesen“, erklärt Knill. China hingegen ist für die Knill Gruppe ein reiner Beschaffungsmarkt, dort betreibt das Unternehmen ein Einkaufsbüro mit fünf Mitarbeitern. „In China fertigen wir nicht selbst, sondern kaufen von lokalen Lieferanten. Unsere Leute testen die Produkte vor Ort dahingehend, ob sie für internationale Märkte geeignet sind“, so Knill.

Und welche Rolle spielt Innovation bei der Knill Gruppe? „Eine immer wichtigere, weil die Stammprodukte zusehends preisgetrieben sind und wir aus diesem Preiskampf herauskommen wollen.“ Christian Knill kann sich deshalb auch vorstellen, künftig nicht mehr nur die Zwischenteile, sondern auch Isolatoren und vielleicht sogar Masten im Generalpaket anzubieten. Zusätzlich änderten sich auch in der Energiebranche die Geschäftsmodelle: „Wer weiß, ob in Zukunft nicht mehr der Energieversorger mein Kunde ist, sondern jemand anderer. Wir machen uns jetzt schon Gedanken über zukünftige Geschäftsmodelle, Stichwort Industrie 4.0 und Digitalisierung.“

Und was wünscht sich Knill langfristig für die Gruppe? „Dass wir unser Unternehmen an die nächste Generation weitergeben können“, sagt Christian Knill ohne zu zögern. Ob der zukünftige Chef im Haus wohl eines Tages interessierten Besuchern die Produkte und Aktivitäten der Firma ebenfalls vom Fenster des Chefbüros aus zeigen wird? Christian Knill abschließend: „Ich hoffe, der Firmenchef wird einer meiner Söhne sein.“


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Historisches Plakat im firmeneigenen Schmiedemuseum der Sichel- und Klingenschmiede J. Mosdorfer.

Kein Strom ohne Stahlteile
Die Weizer Knill Gruppe hat sich während ihres 300-jährigen Bestehens von einer Schmiede zu einem diversifizierten Mischkonzern entwickelt.

„Ahead of time since 1712“ lautet der Slogan der Weizer Knill Gruppe, die sich in zwei Bereiche teilt. Die Energiesparte Knill Energy produziert Komponenten und Systeme für die weltweite Energieindustrie mit Schwerpunkt auf Stromübertragung und -verteilung sowie Schrank- und Erwärmungssysteme für technische Spezialanwendungen. Knill Technology stellt Maschinen und Fertigungslösungen für die Batterie-, Draht-, Kabel- und Glasfaserindustrie her. Mit mehr als 30 Unternehmen in 16 Ländern und knapp 1.800 Beschäftigten weltweit setzt die Knill Gruppe jährlich rund 250 Mio. Euro um.


© corporAID Magazin Nr. 63
Autor: Clemens Coudenhove-Kalergi und Sophie Melzer
Fotos: Knill Gruppe, Sophie Melzer

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