Corporate Volunteering

Profiarbeit, ganz ohne Rechnung

04/2016 - Wissen hilft: Ob Anwälte, Prozessmanager oder Werber, immer öfter stellen Profis ihre Expertise in den Dienst der guten Sache. Damit die Kompetenzspende tatsächlich Wirkung erzielt, müssen die passenden Experten und Projekte erst einmal zusammenfinden.

Zum Thema:

Interview mit Helene Prölß, Manager ohne Grenzen Stiftung

Vier Wochen Neuland Top Talente bei SAP können während eines einmonatigen „Social Sabbaticals“ Non-Profit-Projekte in aller Welt unterstützen. Im Bild: Workshop bei einer Bildungs-einrichtung in Botswana.

Im Sozialmarkt an der Kassa stehen, die Wände eines Obdachlosenheims streichen, Abfälle am Straßenrand einsammeln – so bunt und vielfältig sind die Aktivitäten, zu denen österreichische Unternehmen immer öfter ihre Angestellten ermuntern. Im Rahmen von „Corporate Volunteering“-Tagen können Mitarbeiter ein paar Stunden oder Tage lang ihre Schreibtische verlassen, um Umwelt- und Sozialinitiativen zu unterstützen. Solche Einsätze sind weltweit in Mode gekommen, sogar einen offiziellen Tag, den „Give and Gain Day“, gibt es dafür. Dieser Aktionstag – heuer fällt er auf den 20. Mai – war ursprünglich eine Initiative des britischen CSR-Netzwerks Business in the Community und wird heute in mehr als 30 Ländern, von China über Chile bis Kenia, zelebriert.

Während Freiwilligenarbeit in Unternehmen dennoch ein eher neues Thema ist, stützt sich beispielsweise die Entwicklungszusammenarbeit schon seit Jahrzehnten auf ehrenamtliches Engagement. Auch künftig will Österreich nicht darauf verzichten, im Gegenteil: Vorigen Herbst haben Außenminister Sebastian Kurz und die Austrian Development Agency ADA die Initiative „Mitmachen! Österreich weltweit engagiert“ lanciert, in deren Rahmen unter anderem die Zahl der geförderten Freiwilligeneinsätze in Entwicklungsländern deutlich erhöht und auch eine neue Informationsplattform für Volunteers finanziert wurde.

Soziales Engagement Für betriebliches Volunteering gibt‘s in der Regel keine staatlichen Gelder. Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern auch an Social Days das Gehalt weiterbezahlen, Urlaubstage werden nicht abgebaut – und auch die Arbeit bleibt liegen. Die populäre Aktivität bringe den Unternehmen dennoch einiges, ist etwa Elisabeth Dal-Bianco, Nachhaltigkeitsmanagerin bei Pfizer Österreich, überzeugt. Seit das Pharmaunternehmen vor acht Jahren Corporate Volunteering Days eingeführt hat, haben bereits mehr als 200 Mitarbeiter diverse soziale Einrichtungen stunden- oder tageweise unterstützt. „Für uns sind Corporate Volunteering Days primär ein Instrument der Personalentwicklung, denn sie fördern soziale Kompetenzen und wirken sich positiv auf die Motivation der Mitarbeiter aus. Sie machen darüber hinaus das Thema unternehmerische Verantwortung greifbarer“, so Dal-Bianco. „Nicht zuletzt sehen wir auch einen positiven Einfluss auf die Reputation des Unternehmens – Corporate Volunteering hilft uns, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.“

Natürlich sollen auch die gemeinnützigen Organisationen von solchen Aktionstagen profitieren: beispielsweise, wenn für ein Sonderprojekt viele zusätzliche Helfer zur Verfügung stehen. Und auch, weil der Bekanntheitsgrad einer Organisation und ihrer speziellen Anliegens mit jeder Freiwilligenaktion steigt. Eine echte Win-win-Situation also? „Nicht immer“, merkt Gabriela Sonnleitner, Geschäftsführerin von Magdas Social Business, einem Hotelprojekt der Caritas, an: „Natürlich ist es fein, wenn man für einfache Hilfstätigkeiten wie Kleider sortieren oder Ausmalen viele helfende Hände hat. Je nach Komplexität der Aufgabe und Tätigkeit kann Corporate Volunteering für die NGO in der Vorbereitung und Umsetzung aber auch ziemlich aufwendig sein, wenn für alle ein gutes Resultat erzielt werden soll.“ Dass manche Organisationen von Unternehmen mittlerweile einen finanziellen Beitrag verlangen, hält Sonnleitner daher für legitim: „Social Days sind ja auch eine neuere Spielart von Team Building. Die Leute machen neue Erfahrungen, die Tätigkeit bringt Mitarbeiter zusammen – daher können Unternehmen für den Aufwand auch etwas bezahlen.“

Erfahrung hilft Wie zweckmäßig Social Days auch immer sein mögen, für einige Unternehmen sind sie ein guter Einstieg oder auch eine Ergänzung zu einer anderen Form der Freiwilligenarbeit – dem so genannten Skills-based Corporate Volunteering. Da krempelt der PR-Experte dann nicht mehr die Ärmel hoch, um Wände zu streichen, sondern entwickelt beispielsweise ein Kommunikationskonzept für eine NGO, und die Topjuristin schenkt keine Suppe aus, sondern berät ein Sozialunternehmen in rechtlichen Fragen.

Diese – auch Pro-Bono-Leistungen genannten – Services sind viel wert, wie Zahlen aus den USA, dem weltweit am stärksten entwickelten Volunteering-Markt, zeigen: Eine Stunde traditioneller Freiwilligendienst entspricht einem Wert von 23 Dollar, eine Pro-Bono-Stunde kommt gar auf 150 Dollar, kalkuliert die auf Corporate Volunteering spezialisierte Taproot Foundation. Unternehmen helfen durch ihre Kompetenzspenden bei der Überwindung des im Non-Profit-Sektor vorherrschenden „Overhead-Dilemmas“: Geldgeber wollen in der Regel, dass „möglichst die gesamte Spende“ direkt dem wohltätigen Zweck zufließt. Daher gilt es häufig geradezu als verpönt, wenn zu viel in Verwaltung oder Marketing investiert wird. Gleichzeitig sollen sich soziale Organisationen weiterentwickeln und professionell arbeiten – nur kosten soll es halt nichts. Daher ist es für NGO sehr reizvoll, externe Expertise gratis oder stark verbilligt zu bekommen. In den USA, wo anders als in den europäischen Wohlfahrtsstaaten freiwilliges Engagement schon lange Tradition hat, entwickelte sich daraus ein Milliardenmarkt: Der Gesamtwert der gespendeten Pro-Bono-Leistungen erreicht laut Taproot bereits an die
15 Mrd. Dollar – pro Jahr.

Und so wundert es wenig, dass auch der wahrscheinlich größte Kompetenzspender aus den USA stammt: IBM. Schon seit Jahren entsendet der Computerriese Experten in alle Welt, um Gesundheits-, Sozial- und Hilfsprojekte mit Bezug zu IT voranzutreiben. Allein das Programm Smarter Cities Challenge mit Fokus auf städtische Herausforderungen führte bereits mehr als 800 Mitarbeiter in 130 Städte, von Abuja in Nigeria bis Zapopan in Mexiko, wo sie Pro-Bono-Beratungen im Wert von 66 Mio. Dollar leisteten. Und erst vor wenigen Wochen hat der Konzern „IBM Health Corps“ ins Leben gerufen. Das neue Programm soll NGO, Spitäler und Behörden dabei unterstützen, Lösungen im Gesundheitsbereich zu entwickeln. Aktuell sucht IBM fünf Projekte aus, um dann Expertenteams für drei Wochen auf Problemlösungsmission zu entsenden. Der Konzern erwartet, dass Beratungsleistungen von jeweils 500.000 Dollar anfallen werden.

Globales Netzwerken Auch außerhalb der USA gewinnt die Pro-Bono-Bewegung an Dynamik. Die erwähnte Taproot-Stiftung, die seit 15 Jahren für NGO und Unternehmen Projekte entwickelt, leistet hier Pionierarbeit. Gemeinsam mit der deutschen BMW-Stiftung hat sie 2012 das Global Pro Bono Network gegründet, um die vielen weltweit tätigen Mittler-Organisationen besser miteinander zu vernetzen, ihre Programme zu professionalisieren und ihnen auch Zugang zu Unternehmen zu verschaffen: Erst im März veranstaltete das Netzwerk eine internationale Konferenz in Singapur, wo Pro-Bono-Vermittler auf Vertreter von globalen Unternehmen wie Citi Bank, Credit Suisse, Allianz und MasterCard trafen.

Eine neuere Initiative, nämlich Impact 2030, nimmt sich ebenso des Themas an. Dieser 2015 offiziell lancierte Zusammenschluss privater Wirtschaftspartner und der Vereinten Nationen will ehrenamtliches Engagement weltweit ausbauen und dieses stärker an den 17 neuen, globalen Nachhaltigkeitszielen ausrichten. Dazu sollen bestehende Volunteering-Programme verbessert und skaliert werden, sektor- und unternehmensübergreifende Kooperationen ermöglicht und Tools zur Messung der Wirkung von Freiwilligentätigkeit entwickelt werden. Zu den Gründungs-mitgliedern von Impact 2030 zählen beispielsweise SAP, IBM, Ritz-Carlton und Tata.


Mit Know-how entwickeln „Manager ohne Grenzen“ schickt erfahrene Führungskräfte – manchmal auch gemeinsam mit Junior-Spezialisten – zu Einsätzen nach Afrika und Asien. Im Bild: Marketingprofis, die Kleinbetriebe in Ghana beraten.

Keine Einbahnstrasse Dass das Interesse am Ehrenamt und speziell am Skills-based Volunteering größer wird, liegt womöglich daran, dass Unternehmen zunehmend erkennen: Bei Kompetenzspenden geht es nicht nur um einseitiges Geben. Das betont auch Helene Prölß, Gründerin der „Manager ohne Grenzen“-Stiftung, die Führungskräfte und Spezialisten mit wirtschaftlichem oder technischem Know-how zu mehrwöchigen Projekten in Entwicklungsregionen vermittelt (siehe auch Interview). „Durch ehrenamtliche Tätigkeit lassen sich CSR und Personalentwicklung innovativ verflechten: Unternehmen können sich als Partner von nachhaltiger Verantwortung positionieren und gleichzeitig ihre Führungskräfte fördern.“

Einige Unternehmen haben bereits eigene Programme zur Talentförderung aufgesetzt. Seit bald vier Jahren betreibt etwa der europäische Softwareriese SAP ein „Social Sabbatical“-Programm und schickt ausgewählte Top-Talente auf Auslandseinsatz. Ihre Aufgabe: ein Geschäftsproblem in vier Wochen zu lösen. Sie arbeiten dabei mit Kollegen aus aller Welt, die sie noch nie zuvor getroffen haben, um Sozialunternehmen oder Non-Profit-Projekte zu unterstützen, von denen sie wahrscheinlich noch nie zuvor gehört haben. „Wir entsenden alljährlich 120 Mitarbeiter in international und interdisziplinär aufgestellten Dreier-Teams in Länder wie Myanmar, Kolumbien, Äthiopien oder Botswana. Es ist kein Problem, Bewerber zu finden, wir werden regelrecht überrannt“, berichtet Global CSR-Managerin Alexandra van der Ploeg. Vom Blick über den Tellerrand profitieren dabei sowohl die High Potentials, die „definitiv neue berufliche und interkulturelle Kompetenzen gewinnen, als auch die Non-Profit-Projekte, die sich durch das externe Know-how weiterentwickeln“, betont Van der Ploeg die doppelte Zielsetzung des Programms.

Auch Tata, der indische „Von Salz bis Stahl“-Allesanbieter setzt neuerdings verstärkt auf Corporate Volunteering. Die „Tata Engage“-Plattform soll die 600.000 Konzernmitarbeiter motivieren, Gutes zu tun – und bietet ein breites Spektrum an Einsätzen, von punktuellen Strandreinigungs- und Bepflanzungsaktionen bis hin zum mehrmonatigen Sabbatical. Letzteres – Engage Plus – ist ein gerade lanciertes Programm für hoch qualifizierte Mitarbeiter, die ein halbes Jahr lang ohne Gehaltseinbußen NGO-Projekte weiterentwickeln sollen. Ein erfahrener Mentor aus dem Senior Management soll sicherstellen, dass das Projekt erfolgreich umgesetzt wird und der Volunteer an wertvollen Qualifikationen hinzugewinnt.

Luft nach oben In Österreich steckt Skills-based Volunteering noch in den Kinderschuhen. Unternehmen, die sich dazu beraten lassen wollen, wenden sich meist an den Fundraising Verband Austria, das CSR-Netzwerk respACT oder die Plattform COVO. Letztere lädt am 20. Juni zu einer „Nachtschicht“ in Wien, in der Unternehmen mit Willen zur Kompetenzspende auf Organisationen mit Beratungsbedarf treffen können.

Seit wenigen Monaten gibt es außerdem das von jungen Uni-Absolventen gegründete Wiener Start-up Alltagshelden. Auf dessen – noch in der Testphase befindlichen – Webseite stellen gemeinnützige Organisationen ihre Projekte vor und informieren über gesuchte Qualifikationen und zeitlichen Aufwand. Einzelpersonen und Unternehmen können ihrerseits Profile anlegen und über ihre Kompetenzen Auskunft geben. Damit könnte das Matchmaking für Organisationen und ehrenamtliche Anbieter künftig transparenter und einfacher als bisher verlaufen.
Für Unternehmen, die weltoffene Mitarbeiter gern ein paar Wochen zu fachlich anspruchsvollen Projekten in Entwicklungsländer entsenden würden, gibt es indes noch keine Ansprechpartner in Österreich. Auch die neue „Mitmachen!“-Initiative des Außenministeriums und der ADA scheint trotz Fokus auf Freiwilligeneinsätze das Potenzial von Corporate Volunteering noch nicht für sich entdeckt zu haben. Ebenso vergebens sucht man hierzulande eine Organisation, die mit dem Senior Experten Service SES aus Deutschland vergleichbar wäre. SES – eine von Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft und zwei Ministerien geförderte Stiftung – schickt seit 30 Jahren pensionierte Fachleute in alle Welt, um Mitarbeiter in lokalen KMU und öffentlichen Verwaltungen in Spezialgebieten aus- und weiterzubilden.

Für so manches freiwillige Engagement schadet es daher wohl nicht, bereits bei der Suche nach Angeboten besonderes Engagement an den Tag zu legen.


© corporAID Magazin Nr. 63

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: SAP, MOG

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