Großes Interview

Wachstum ohne Ruhephase

04/2016 - Der steirische Messgerätehersteller Anton Paar war von Anfang an global ausgerichtet. Wachstumsziele sind für Geschäftsführer Friedrich Santner dabei Nebensache. Sein Geheimrezept für Innovation und nachhaltigen Erfolg ist die richtige Mischung aus neugierigen und verrückten Mitarbeitern.

corporAID: Wie sehen Sie die aktuelle Wirtschaftslage?

Santner: Die weltweite Wirtschaft befindet sich in einer starken Umbruchphase, in der sich die einzelnen Regionen sehr unterschiedlich entwickeln. Der Boom in Asien ist noch lange nicht zu Ende, auch wenn China etwas schwächelt. Die USA kommen langsam in Schwung, während mir die Entwicklungsländer und Europa Sorgen machen. Wir lassen wesentliche Hausaufgaben unerledigt: Europa hat es nicht geschafft, zu einem Europa zu werden. Für unser Unternehmen ist Asien daher weiter die Wachstumslokomotive, wobei wir in manchen Schwellenländern nach wie vor Probleme haben, da wir mit unserer Hochtechnologie in manchen Ländern einfach noch zu früh dran sind.

„Wir sind mit unserer Hochtechnologie in manchen Ländern einfach noch zu früh dran.“

Friedrich Santner

Wie läuft es mit den Niederlassungen in Brasilien, Mexiko und Südafrika?

Santner: Brasilien ist ein Sorgenkind mit massiven Rückgängen. Einer unserer großen Kunden ist die staatliche Erdölfirma Petrobras, die durch den Korruptionsskandal extrem unter Druck ist. Da traut sich im Moment niemand, einen Auftrag zu unterschreiben. Mexiko entwickelt sich nach wie vor gut. Das Marktpotenzial dort ist riesig, die vielleicht etwas schwächere Konjunktur spielt für uns daher keine große Rolle. Das Tochterunternehmen, das wir vor vier Jahren in Südafrika gegründet haben, kümmert sich um ganz Subsahara-Afrika. Wir erwägen von Zeit zu Zeit, auch in Nairobi ein Büro aufzumachen. Bei näherem Hinsehen kommen wir aber immer wieder zu dem Schluss, dass es dafür noch zu früh ist.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Globalisierung?

Santner: Mit dem Einzug und der Entwicklung von Elektronik in den 1950er und 60er Jahren ist in der Messtechnik ein unheimlicher Boom entstanden. Die klassische Waage wurde durch viel präzisere und bedienungsfreundlichere Messgeräte ersetzt. Es herrschte eine richtige Goldgräberstimmung in der Branche: Es wurden neue Verfahren für die Messung physikalischer Parameter und neue Analysemethoden für die Chemie entwickelt. Anton Paar bewegte sich dabei von Anfang an in winzigen Nischen. Das erste von uns produzierte Messgerät war eine Anlage zur Messung der Röntgen-Kleinwinkelstreuung. In Österreich wird so eine Anlage vielleicht alle zehn Jahre einmal aufgestellt, weltweit sind es immerhin etwa 60 Stück im Jahr, wovon ein Drittel von uns hergestellt wird. Wir waren daher von Anfang an international ausgerichtet, mit einer Exportquote von mehr als 90 Prozent.

Die Globalisierung hat durch den Abbau von Handelshemmnissen unsere Arbeit extrem erleichtert. Die Bürokratie und die Zollprüfungen, die man über sich ergehen lassen musste, lediglich um etwa Messgeräte nach München auf eine Messe zu bringen, sind heute nicht mehr vorstellbar. Das sind sehr positive Effekte der Globalisierung. Allerdings ist dadurch die Gestaltungsmacht der Politik in einem beträchtlichen Ausmaß zur Wirtschaft gewandert. Das bedeutet auch, dass Führungskräfte in Unternehmen, vor allem in Großkonzernen, im ordnungspolitischen Bereich eine wesentlich größere Verantwortung tragen als noch vor 30 Jahren.

Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für ein international tätiges Unternehmen wie Anton Paar hier in Österreich?

Santner: Die Rahmenbedingungen sind hierzulande nach wie vor gut. Wir haben gut ausgebildete Menschen, unsere HTL-Ingenieure sind ein Erfolgsmodell, das Sie auf der ganzen Welt kein zweites Mal finden. Wir haben auch im Entwicklungs- und Forschungsbereich extrem gut ausgebildete Mitarbeiter. Andernfalls könnten wir uns gegen Konkurrenten, die zwanzigmal größer sind und ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben, auf dem Weltmarkt nicht behaupten. Wir sind technologisch und umsatzmäßig in gewissen Segmenten weltweit die Nummer eins, weil wir einfach die besten Mitarbeiter haben. Was in Österreich katastrophal ist, ist die viel zu hohe Steuerquote. Ich habe kein Problem damit, Steuern zu zahlen. Es kann aber nicht sein, dass wir das Staatsbudget allein durch Steuererhöhungen sanieren und seit 30 Jahren beim Umbau des Sozial- und Bildungssystems und der öffentlichen Verwaltung nichts weiterbringen. Diese Reformunfähigkeit macht mir Sorgen.

Sie haben in den vergangenen zwei Dekaden das Unternehmen von 400 auf mehr als 2.300 Mitarbeiter ausgebaut. Wo lagen die größten Herausforderungen?

Santner: Die größte Herausforderung ist die Integration neuer Mitarbeiter. Letztere werden meist erst geholt, wenn es so viele Aufträge gibt, dass das bestehende Team ohnehin schon völlig überarbeitet ist. Die Einarbeitung und Schulung der neuen Mitarbeiter verlangt ihnen ad hoc noch mehr ab. Nach Wachstumsphasen braucht ein Unternehmen daher immer auch Ruhephasen, in denen sich wieder alles stabilisiert und man sich gemeinsam ein Bild macht zu Fragen wie „Wie arbeiten wir?“ und „Wer sind wir?“. Wir hatten aber schon relativ lange keine Ruhephase mehr. Das vergangene Jahr war extrem stark, und auch dieses Jahr hat so begonnen. Im Moment haben wir wieder Probleme, mit Produktion und Auslieferung nachzukommen und stellen daher Personal ein. Aber es ist eine wesentliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Integration nicht vergessen wird, wenn es ruhiger wird. Sonst kippt irgendwann die Kultur des Unternehmens.

„Wir achten auf eine gute Mischung aus neugierigen und verrückten Mitarbeitern.“

Friedrich Santner

Was ist die Basis dieses Erfolgs?

Santner: Wir verfolgen keine ausdrücklichen Wachstumsziele. Wir investieren rund 20 Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das ist das Drei- bis Vierfache dessen, was Mitbewerber investieren. Wachstum entsteht, wenn es uns gelingt, aus unseren Investments tolle Produkte hervorgehen zu lassen. Ich kann den Erfolg unserer Produktentwicklungen aber nicht planen. Wir lassen uns durch Ideen treiben, entwickeln Produkte, von denen wir überzeugt sind, dass die Kunden diese brauchen. Entscheidend dafür ist die Auswahl der Mitarbeiter. Um als Unternehmen innovativ zu sein, brauchen Sie Menschen, die von Natur aus neugierig sind, denn Innovation lässt sich nicht befehlen. Für mich ist ein innovativer Mensch einerseits jemand, der ein gerütteltes Maß unzufrieden ist. Wenn ich mich zum Beispiel am Flughafen zum Einchecken in einer langen Schlange anstellen muss, beginne ich spätestens nach 30 Sekunden darüber nachzudenken, wie man das effizienter organisieren könnte. Die zweite Voraussetzung ist ein gesundes Maß an Verrücktheit. Wir achten auf eine gute Mischung aus neugierigen und verrückten Mitarbeitern.

Was heißt Nachhaltigkeit für Sie?

Santner: Nachhaltigkeit hat viele Dimensionen. Das beginnt im Personalwesen, wo wir uns darum bemühen, dass Mitarbeiter lange und gerne bei uns bleiben. Sie werden Nachhaltigkeit auch in unserer Infrastruktur wiederfinden: Unsere Bauverantwortlichen achten darauf, dass jede mögliche Energie genutzt wird. Auf unserem Parkhaus ist eine 800-Quadratmeter-Photovoltaikanlage montiert, für die Warmwasserbereitung wird die Abwärme der Kompressoren, die wir für die Druckluft brauchen, genutzt. Nachhaltigkeit habe dabei nicht ich verordnet, sondern sie wird von den zuständigen Mitarbeitern betrieben, denen das ein Anliegen ist.

Auch als wir ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben, war mir wichtig, dass nicht einzelne Wissende bis auf den letzten Beistrich festschreiben, wie die Unwissenden zu arbeiten haben. Stattdessen haben wir in die Ausbildung der Mitarbeiter investiert, damit jeder von sich aus die Tätigkeit, die er macht, gut machen kann. Qualität ist nicht Thema für eine Qualitätsabteilung, sondern ist eine Grundhaltung, die alle Mitarbeiter im Haus haben müssen. Ähnlich ist es mit CSR. Ich möchte keine CSR-Abteilung, die dafür sorgt, dass sozial verträglich gehandelt wird. Auch das soll eine Grundhaltung im gesamten Unternehmen sein.

„Wir können nicht die Kultur in anderen Ländern verändern, sondern nur im Kleinen Akzente setzen.“

Friedrich Santner

Wie lässt sich eine gemeinsame Wertebasis weltweit erreichen?

Santner: Der Unternehmenszweck sollte für alle klar sein, aber wir haben kein Leitbild. Es ist viel zielführender, den Mitarbeitern ein konkretes Beispiel für ihr Handeln zu geben. Unsere Werte drehen sich um die Arbeitsgestaltung. Die Mitarbeiter sollen einen festen Platz im Unternehmen einnehmen und an ihren Aufgaben wachsen können. Das setzt voraus, dass die Arbeit langfristig angelegt ist. In der heutigen Zeit, in der ohnehin alles fluktuiert, schadet es nicht, ein paar feste Ankerpunkte im Leben zu haben. Das weltweit umzusetzen, ist ein schwieriges Unterfangen. Im Sozialbereich geht es etwa darum, dass die Mitarbeiter von ihrer Arbeit gut und vernünftig leben können. Da kann es auch sein, dass wir in einem Land wie Bosnien ein zusätzliches Gehalt als Prämie am Jahresende auszahlen, auch wenn unsere dortige Tochter noch Verluste macht.

Klar ist aber, dass wir nicht die Kultur in anderen Ländern verändern, sondern nur im Kleinen Akzente setzen können. Vor ein paar Jahren mussten wir in Mexiko einen neuen Geschäftsführer bestellen. Mir wurde damals gesagt, eine Frau als Chefin würde eine Revolution auslösen. Ich habe die Revolution riskiert, was letztendlich gut funktioniert hat. Oder unser neuer Japan-Geschäftsführer: Nach sechs Monaten im Headquarter ist er gut vorbereitet und weiß, wer wir sind und wie wir ticken. Und er kann unsere Firmengrundwerte umsetzen sowie das japanische Team dementsprechend leiten. Dabei lernen wir auch selbst viel.

Machen Sie Ihren Tochterunternehmen Vorgaben zu CSR?

Santner: Nein. CSR ist kein Wort in unserem Sprachgebrauch. Es geht um eine Grundhaltung, dass Menschen aus Überzeugung handeln und nicht, weil sie irgendeine Kennzahl erreichen müssen. Es wird Jahre geben, in denen Mexiko sich sozial wenig engagieren kann, weil es allein darum geht, das eigene Business halbwegs erfolgreich zu gestalten, und dann wird es hoffentlich auch Jahre geben, wo sie über den Tellerrand hinausschauen und etwas tun können. In Bosnien haben wir eine Kooperation mit der lokalen technischen Schule gestartet und so Schülern den Zugang zu Praktika eröffnet – das ist nicht nur eine soziale Tat: So kommen wir zu guten Kandidaten. Andererseits ist es auch ein Beitrag, um das Ausbildungsniveau in dieser Region zu heben. Sie finden bei uns viele soziale Projekte, die alle lokal getrieben sind. Förderlich ist natürlich auch die Eigentümerstruktur: Eigentümerin der Anton Paar GmbH ist eine gemeinnützige Stiftung. Die Gewinne, die wir erwirtschaften, bleiben größtenteils im Unternehmen und werden reinvestiert. Einen Teil können wir gemäß des Stiftungszwecks in soziale Projekte fließen lassen. Da wir sehr erfolgreich sind, geht es nicht darum, mehr oder weniger Gewinn zu erwirtschaften, sondern darum, was wir mit dem Gewinn Sinnvolles machen können.

Was macht Ihr Unternehmen zukunftsfähig?

Santner: Der Anton Paar Slogan lautet „great people, great instruments“. Die Reihenfolge ist bewusst gewählt. Es kommt immer auf die Menschen an. Ich könnte die genialste Idee des Jahrtausends haben – wenn ich nicht die richtigen Mitarbeiter habe, wird sie nicht zum Durchbruch kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.




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ZUR PERSON:

Friedrich Santner ist seit 1997 Geschäftsführer der Anton Paar GmbH. Der promovierte Psychologe und Pädagoge stieg 1986 in das Familienunternehmen ein und war zunächst als Marketing- und Vertriebsleiter und später als Geschäftsführer der deutschen Tochter Anton Paar Germany tätig. Der 56-jährige Oberösterreicher war zudem von 1999 bis 2005 Vorstandsvorsitzender von SOS-Kinderdorf Steiermark und ist seit 2011 Aufsichtsratsvorsitzender der Styria Medien AG.

ZUM UNTERNEHMEN:


Grazer Headquarter
der Anton Paar GmbH

Präzisionsmeister
Die Anton Paar GmbH entwickelt und produziert Präzisionslaborgeräte, Prozessmesstechnik sowie maßgeschneiderte Automations- und Robotiklösungen. 1922 als gleichnamiger Schlossereibetrieb von Anton Paar gegründet, ist die Unternehmensgruppe heute mit 25 Tochterunternehmen – unter anderem in Südafrika, Indien, Malaysia und Brasilien – weltweit vertreten. Die Anton Paar GmbH ist seit 2003 im Eigentum der gemeinnützigen Santner Privatstiftung. Mit aktuell mehr als 2.300 Mitarbeitern erwirtschaftete das Unternehmen 2015 einen Umsatz von mehr als 264 Mio. Euro.


© corporAID Magazin Nr. 63
Fotos: Nina Bennett, Anton Paar GmbH
Das Interview führte Bernhard Weber.

 

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