3er-Gespräch

Von Kompetenzen zum Entwicklungsbeitrag

10/2015 - Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals SDG) setzen auf den Entwicklungsbeitrag der Wirtschaft. Bernadette Gierlinger (Wirtschaftsministerium BMWFW), Andrea Hagmann (Oesterreichische Entwicklungsbank OeEB) und Daniel Pineda (KOGNOS Consulting) diskutieren über österreichische Kompetenzen für die so genannte Agenda 2030 und die Frage, wie diese für eine nachhaltige Globalisierung optimal eingesetzt werden können.

corporAID: Ende September wurden die nachhaltigen Entwicklungsziele bis 2030 beschlossen. Was bedeuten die SDG für Ihr Ressort?

Gierlinger: Es ist wichtig, aus dem Blickwinkel der österreichischen Wirtschaft auf die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zu schauen, um die Bedeutung dieser Agenda 2030 für unsere Unternehmen zu erfassen. Nicht zuletzt weil es ja auch unsere Unternehmen sind, die weltweit zu ökonomischem, ökologischem und sozialem Fortschritt beitragen. Das spiegelt die Agenda 2030 wider. Sie unterstreicht das Potenzial der Wirtschaft in Fragen der nachhaltigen Entwicklung – und geht dabei weit über die Millenniumsentwicklungsziele hinaus. Für mich ist die Agenda 2030 eine echte Chance, eine nachhaltige, internationalisierte und verantwortungsvoll agierende Wirtschaft zu stärken.

Hagmann: Mich freut sehr, dass Unternehmen in den SDG von einer Neben- zu einer Hauptrolle aufgestiegen sind. Schließlich sind Arbeitsplätze eine Voraussetzung für eine nachhaltige Reduktion von Armut – und diese werden laut einer Studie der Weltbank zu 90 Prozent im Privatsektor geschaffen. Als Entwicklungsbank unterstützen wir daher Projekte im Privatsektor mit langfristigen Krediten und begleitenden Maßnahmen, mit einem Schwerpunkt auf Erneuerbare Energie, Ressourceneffizienz und KMU-Förderung. Damit aber überhaupt Jobs geschaffen oder unternehmerisch gehandelt werden kann, ist natürlich auch Nachhaltigkeit wichtig – die in der SDG-Agenda ebenfalls eine große Rolle spielt.

Pineda: Schon die Millenniumsentwicklungsziele haben die Entwicklungszusammenarbeit in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Dabei ging es vor allem um die Botschaft, dass in Schwellen- und Entwicklungsländern etwas passieren soll. Bei den SDG hingegen steht der Mensch im Mittelpunkt. Für Unternehmen hat sich dabei nicht viel geändert – jene, die in Entwicklungsländern erfolgreich tätig sind, haben meist aus einer starken Position in ihrem Heimatmarkt heraus Geschäftschancen in internationalen Märkten gesucht und dort den lokalen Gegebenheiten entsprechend Geschäfte gemacht. Klar ist: Wenn sie dort Teil der Community werden und Arbeitsplätze schaffen, leisten Unternehmen vor Ort einen wichtigen Entwicklungsbeitrag.

„Nicht zuletzt tragen auch unsere Unternehmen weltweit zu ökonomischem, ökologischem und sozialem Fortschritt bei.“

B. Gierlinger,
BMWFW

Wie kann Österreich seinen Beitrag zur globalen Entwicklung erhöhen?

Gierlinger: Der österreichische Entwicklungsbeitrag besteht ja nicht nur aus öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit, auch wenn diese natürlich wichtig ist. Eine Erhöhung unseres Beitrags kann daher nicht ausschließlich durch eine Aufstockung budgetärer Mittel erfolgen. Es geht auch um die Bündelung von komparativen Stärken etwa in den Bereichen Siedlungshygiene, Energie, Technologie – dort ist unsere Wirtschaft stark, und dort können wir mit Sicherheit die besten Synergieeffekte erzielen, um unseren Beitrag zu einer globalen nachhaltigen Entwicklung zu erhöhen. Hier müssen wir verstärkt Unternehmen an jene Märkte heranführen, die dieses Know-how am dringendsten benötigen.

Hagmann: Am Beispiel der aktuellen Flüchtlingswelle sieht man, wie wichtig es ist, die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern: Diese Menschen sind ja nicht grundlos von zuhause weggegangen, sondern aus Verzweiflung. Neben kurzfristiger humanitärer Hilfe sollten wir also langfristig den Privatsektor vor Ort fördern. Hier ist die Rolle von Investitionen, aber auch von Entwicklungsbanken ganz wesentlich – vergleichen Sie nur die entsprechenden Geldflüsse mit den öffentlichen Entwicklungshilfebudgets. Es wird mittlerweile viel über Entwicklungsbanken gestemmt, allein die europäischen Entwicklungsbanken haben ein Portfolio von knapp 35 Mrd. Euro, die Oesterreichische Entwicklungsbank wird mit Ende des Jahres rund 900 Mio. Euro an Krediten und Beteiligungen ausgegeben haben. Hier kann man schon einiges bewegen. Und wir versuchen in unseren Projekten, auch österreichische Technologien und Unternehmen mitzunehmen.

Pineda: Die österreichische Wirtschaft hat sicherlich Kernkomptenzen, auf die es wichtig wäre zu fokussieren. Gleichzeitig sehen wir in Schwellen- und Entwicklungsländern bereits heute Business-Ideen von morgen – Digitalisierung ist so ein Thema, nehmen Sie nur den Zahlungsverkehr per Handy. Man sollte Unternehmen mit Förderungen und flankierenden Maßnahmen dabei unterstützen, bei diesen Zukunftsthemen vorne mit dabei zu sein. Denn aus Perspektive der SDG soll ja nicht nur in Entwicklungsländern etwas passieren, sondern auch in den Industrienationen. Hier muss ein Umdenken stattfinden – und das sollte sehr von unternehmerischen Perspektiven getrieben sein.

„Während unsere Konzerne international unterwegs sind, bleibt ein großer Teil der KMU auf der Strecke.“

D. Pineda,
KOGNOS

Ist der Konnex zwischen Unternehmen und Entwicklung bei den Firmen in der Praxis angekommen?

Pineda: Aus meiner persönlichen Erfahrung ist er das. Der Handlungsdruck ist gestiegen und die positiven Effekte von nachhaltigem Handeln wurden transparenter und damit messbar gemacht. Vor 20 Jahren hatten bestimmte Themen einfach keinen Platz im Auslandsgeschäft. Da ging es sehr viel stärker um eine profitable Bottomline. Heute ist die Erkenntnis da, dass nachhaltiges Handeln nicht nur einen Beitrag zu Umwelt und Gesellschaft leistet, sondern damit auch die eigene Profitabilität gesichert wird. Da hat sich schon viel getan.

Hagmann: Das kann ich nur unterstreichen. Nachhaltiges Handeln ist zunehmend auch ein Risikothema. Das Ignorieren von Sozialstandards, Umwelt- und Sicherheitsrichtlinien kann Unternehmen heute ihren Ruf, aber auch viel Geld kosten. Man schaue sich nur die Katastrophen in Bangladesch im Textilbereich an. Dieses Risiko kann und will kaum ein Unternehmen mehr eingehen.

„Wir versuchen in unseren Projekten, auch österreichische Technologien und Unternehmen mitzunehmen.“

A. Hagmann,
OeEB

Was können Unternehmen zu einer nachhaltigen Globalisierung beitragen?

Gierlinger: Das einzelne Unternehmen für dieses Thema zu gewinnen, ist natürlich eine Herausforderung – zum Glück haben wir in Österreich eine gute Ausgangslage. Wir versuchen etwa auch in der bilateralen Außenwirtschaftspolitik, nachhaltige Projekte in den Vordergrund zu stellen, und betreiben damit indirekt Bewusstseinsbildung bei den Unternehmen: Ihr Geschäft ist nicht allein, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, sie erreichen dadurch auch einen langfristigen Entwicklungs-Impact. Und genau darum geht es.

Hagmann: Diese Bewusstseinsbildung geschieht nicht nur bei österreichischen Unternehmen, sondern stark auch bei Unternehmen vor Ort. Beispielsweise zu Energieeffizienz. Wir unterstützen hier mit unseren Finanzierungen – Stichwort Green Loans – Banken in Georgien und der Türkei, damit diese zweckgebundene Kredite für Haushalte, aber auch KMU oder größere Industrieunternehmen bereitstellen. Und diese Maßnahmen flankieren wir über unsere technische Assistenz-Fazilität mit Bewusstseinsbildung bei den Unternehmern und Bankmitarbeitern – weil diese tatsächlich essenziell ist.

Was braucht es, um den Impact von Unternehmen zu erhöhen? Wie sind deren Erwartungen?

Gierlinger: Es braucht gute Rahmenbedingungen, denn davon haben alle etwas. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit österreichischer Unternehmen in Entwicklungsländern funktioniert nur unter dem Dach rechtsstaatlicher Strukturen – dessen müssen wir uns bewusst sein. Deshalb ist Österreich bemüht, in unseren Partnerländern entsprechende Expertise für die Etablierung von rechtsstaatlichen Strukturen anzubieten. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von außenwirtschaftspolitischen Instrumenten, um den Einstieg der österreichischen Wirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern zu erleichtern – allen voran die Internationalisierungsoffensive go international, die weltweit Beachtung findet. Wir haben gerade einen neuen 4-Jahres-Vertrag mit der Wirtschaftskammer abgeschlossen – und hier versuchen wir, ganz bewusst in Zielländer zu gehen, in denen beispielsweise Energieeffizienz, Erneuerbare Energie und Siedlungshygiene gefragt sind. Nächstes Jahr hat die Außenwirtschaftspolitik zudem einen Afrikaschwerpunkt – da gibt es viel zu tun. Wenn ein Unternehmen in solche Regionen geht, hat es aber nicht nur das Risiko des instabilen Umfelds, sondern auch ein finanzielles Risiko. Es braucht also Soft Loans und Exportgarantien, aber auch günstige Kreditfinanzierungen – das hilft den Partnerländern und den österreichischen Unternehmen.

Hagmann: Die OeEB setzt auf eine Türöffner-Funktion – etwa durch gemeinsame Missionen mit der Wirtschaftskammer. So können Unternehmen ein Land sehr rasch und konzentriert kennenlernen. Zudem versuchen wir, im Rahmen unserer Beteiligung an Privat Equity-Fonds österreichische Firmen verstärkt an diese heranzuführen. Im Kern geht es aber eben um die Finanzierung. In vielen Entwicklungsländern bieten Kommerzbanken einfach keine langfristige Finanzierung an, wie sie für Projekte benötigt wird – hier können wir als Entwicklungsbank österreichische Firmen gezielt unterstützen.

Pineda: Alles, was Sie gesagt haben, weist in die richtige Richtung. Man muss aber bedenken: Während unsere Konzerne seit Jahrzehnten international unterwegs sind und über die notwendigen Ressourcen und Know-how verfügen, bleibt ein großer Teil der wertschöpfenden KMU auf der Strecke. Die größten Probleme von kleineren Unternehmen liegen meist darin, dass sie nicht wissen, wo sie anklopfen sollen. Die Außenwirtschaft Austria der Wirtschaftskammer leistet hier hervorragende Unterstützung, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Für kleinere Unternehmen ist das aber meist zu wenig – hier bedarf es der Kombination verschiedener Maßnahmen. Ein zweites Thema ist die finanzielle Überbrückung zwischen Prototyp und Markteinführung – gerade neue Technologien brauchen einfach etwas länger bis zur Marktplatzierung – insbesondere, wenn man vor Ort präsent sein muss. Eine entsprechende Förderung könnte sicher einen großen Beitrag zur stärkeren Präsenz von KMU auf Entwicklungsmärkten leisten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER:

Andrea Hagmann
ist seit der Gründung 2007 Vorstand der Oesterreichischen Entwicklungsbank OeEB. Zuvor war sie stellvertretende Leiterin der Abteilung Export-
garantien der Oesterreichischen Kontrollbank OeKB.

Daniel Pineda ist Managing Partner von KOGNOS Consulting und war zuvor u.a. beim Umwelttechnikunter-
nehmen WABAG tätig - zuletzt als Managing Director der Niederlassung in Ägypten.

Bernadette Gierlinger leitet seit 2010 im Wirtschaftsministerium das Center 2 für Außenwirtschaftspolitik und Europäische Integration. Zudem ist sie stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der österreichischen Entwicklungsagentur ADA.

© corporAID Magazin Nr. 60
Das Gespräch moderierte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea

 

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