Neue Zertifizierung

Club der guten Unternehmen

08/2015 - Kosmetikriese Natura, Olivenölproduzent Fratelli Carli und Eiscrememacher Ben & Jerry‘s haben eines gemeinsam: Sie sind zertifizierte B Corps – und damit Teil eines globalen Unternehmens-Netzwerks, das für positiven Wandel steht. Nun will B Corp auch in Österreich starten.

Manche Unternehmen ticken einfach anders. Outdoor-Jackenhersteller Patagonia lanciert Kampagnen wie „Don‘t buy this jacket“ und „Worn wear“, die Konsumenten auffordern, nur Dinge zu kaufen, die sie wirklich benötigen und Kaputtes zu reparieren statt zu entsorgen. Eiscreme-Erzeuger Ben & Jerry‘s kauft Kekse und Kuchen von Bäckereien, in denen schwer vermittelbare Ex-Häftlinge arbeiten, bezieht ausschließlich Fairtrade-Rohstoffe und engagiert sich stark für Klimaschutz. Die afghanische Telekomfirma Roshan wiederum investiert in Telemedizin-Projekte, um Ärzte in Afghanistan mit Experten im Ausland zu vernetzen, baut E-Learning-Zentren für Kinder und fördert – im Land eher unüblich – weibliche Angestellte.

Was die drei verbindet? Sie sind Mitglieder von B Corporation, kurz B Corp, einem Netzwerk für gewinnorientierte Unternehmen, die sich getreu dem Motto „Use business as a force for good“ auf die Fahne heften, mehr als nur hübsche Bilanzzahlen erreichen zu wollen. Als B Corps verpflichten sie sich freiwillig, hohe soziale und ökologische Standards einzuhalten und auf Mitarbeiter, Umfeld und Umwelt möglichst positiv zu wirken – steht das „B“ doch für „Benefit“, also Nutzen.

Globale Bewegung B Corp ist somit eine weitere Erscheinung in der Welt der unternehmerischen Verantwortungs- und Nachhaltigkeitsinitiativen, von denen der Global Compact der Vereinten Nationen oder der Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung WBCSD zu den bekanntesten zählen. Dass B Corp in Österreich wahrscheinlich nur Insidern ein Begriff ist, liegt wohl an der bisherigen Verbreitung: Ursprünglich war es eine US-amerikanische Initiative der B Lab Foundation (siehe unten), die 2012 einen erfolgreichen Südamerika-Ableger gründete und seit 2013 auch in Kanada und Australien aktiv ist. In Europa fiel der offizielle Startschuss erst heuer im April in den Niederlanden – in Großbritannien und Österreich geht es im September los.


Zahlreiche kleine Sozialunternehmen wie zum Beispiel der deutsche Solarlampenhersteller Little Sun sind im B Corp Netzwerk vertreten.


Einige größere Familienunternehmen wie die Outdoorkleidungsmarke Patagonia aus Kalifornien oder der Olivenölerzeuger Fratelli aus Italien haben sich ebenfalls zertifizieren lassen.


Auch zwei börsennotierte Unternehmen, Brasiliens größter Kosmetikhersteller Natura und der US-Internethändler Etsy, sind B Corps, genauso wie Eishersteller Ben & Jerry‘s, eine Tochter des Nahrungsmittelkonzerns Unilever.

Aktuell besteht das Netzwerk aus 1.366 Mitgliedern: „Es sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die eine soziale Mission verfolgen“, erklärt Andreas Renner, Ansprechpartner für den deutschsprachigen Raum. Sozialunternehmen wie X-Runner, das in Peru wasserlose Toiletten vertreibt, oder Little Sun, das Solar-LED-Lampen nach Subsahara-Afrika verkauft, sind daher ganz typische B Corps. Also ein weiteres Nischenprogramm der Social Enterprise-Szene? Patagonia, Ben & Jerry‘s und Roshans Größe beweisen das Gegenteil. Und auch unter den ersten Europäern im Netzwerk finden sich größere Kaliber wie der belgische Reinigungsmittelproduzent Ecover, der italienische Olivenölerzeuger Fratelli Carli oder die niederländische Triodos Bank. Mit Brasiliens Kosmetikmarke Natura und dem US-Internethändler Etsy sind sogar zwei börsennotierte Konzerne dabei. Und sogar Paul Polman, CEO des Nahrungsmittelriesen Unilever, soll einen Beitritt erwägen.

„B Corp richtet sich an Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsmission tatsächlich verinnerlicht haben.“

Florian Heiler

80-Punkte-Hürde Grundvoraussetzung dazu ist allerdings die Absolvierung des B Impact Assessment, ein umfangreicher Online-Fragebogen, der abklopft, wie verantwortungsvoll ein Unternehmen tatsächlich agiert – und zwar als Ganzes, nicht nur auf einzelne Produkte oder Prozesse bezogen. Da geht es etwa um Fragen, ob Mitarbeiter Weiterbildungen oder Gewinnbeteiligungen erhalten, ob Betriebe sich in ihren Gemeinden engagieren, oder was sie für den Umweltschutz so tun. Der Test kann gratis ausprobiert werden – so wie es laut B Lab bereits 20.000 Unternehmen gemacht haben. Wer die Zertifizierung anstrebt, muss jedoch zumindest 90 Prozent der Fragen beantworten und dabei 80 von 200 Punkten erreichen. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt Florian Heiler vom Wiener Beratungsunternehmen Plenum, das sich als erstes heimisches Unternehmen gerade zertifizieren lässt, „da muss Nachhaltigkeit schon tief in der Firmenkultur verankert sein.“

Ist diese Hürde geschafft, werden in einem mehrstündigen Gespräch mit einem B Lab-Mitarbeiter die Angaben genauer unter die Lupe genommen, anschließend müssen Dokumente vorgelegt werden, die zentrale Aussagen belegen – so will das Label seine Glaubwürdigkeit sichern. In vier bis acht Wochen kann der Prozess abgeschlossen werden.

Nachdenk-Werkzeug Zu den europäischen B Corp-Pionieren zählt der Berliner Entwicklungs-Think Tank Endeva. „Wir wollten nach außen deutlich machen, dass wir uns der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen“, erklärt Christina Tewes-Gradl, „und uns gefällt, dass B Corp mehr verlangt als nur Lippenbekenntnisse.“ Die Teilnahme mache Verbesserungspotenziale erkennbar – etwa dass es notwendig sei, die Umweltbelastung durch die hohe Reisetätigkeit der Mitarbeiter festzustellen und zu minimieren. Ein Aspekt, den Heiler wesentlich findet: „Das Tool regt dazu an, die Wirkung des eigenen Geschäftsmodells kritisch zu hinterfragen – das ist ein spannender, neuer Ansatz.“

Ein kleines Manko sei freilich, so Tewes-Gradl und Heiler unisono, dass B Corp in seinem Anspruch, ein global möglichst einheitliches Testsystem zu verwenden, zu wenig auf Besonderheiten Rücksicht nimmt – gerade bei Umweltthemen mache es Sinn, stärker zwischen einem produzierenden Betrieb und einem Berater zu unterscheiden. Insgesamt habe ihn der Test in seiner Tiefe und Durchdachtheit aber überzeugt, sagt Heiler. Daher will er, gemeinsam mit dem Schweizer Impactfinancier Cornelius Pietzner, B Corp als Austria Benefit Corporation in Österreich etablieren. Mit zwei Events am 16. September und 29. Oktober in Wien geht es los, im März 2016 folgt der offizielle Launch, an dem, hofft Heiler, dann schon zehn bis 15 Austro-B Corps teilnehmen werden.

Um B Labs‘ Ziel von tausend europäischen Mitgliedern bis 2017 zu erreichen, wird noch einiges an Überzeugungsarbeit notwendig sein. Es sollten vor allem zwei Vorteile deutlich kommuniziert werden, empfiehlt Tewes-Gradl. Erstens: Das Tool biete einen strategischen Mehrwert, weil es sich als Monitoring- und Steuerungswerkzeug gut eigne. Zweitens: B Corp sei ein inspirierendes Netzwerk, in dem Unternehmen unterschiedlicher Branchen voneinander lernen können.

In den USA, berichtet Andreas Renner, komme es zwischen B Corps immer öfter zu Geschäftsbeziehungen, weil man weiß, dass der andere dieselben Werte teilt. Und das Logo erweise sich zunehmend als Orientierungshilfe für Konsumenten und Jobsuchende. Der Club der guten Unternehmen hat jenseits des Atlantiks sogar Spuren in der Gesetzgebung hinterlassen. Die Benefit Corporation ist – neben „For Profit“ und „Non Profit“ – eine neue Rechtsform, die schon in 30 US-Bundesstaaten eingeführt wurde. Benefit Corporations verpflichten sich in ihren Statuten, sowohl Profite als auch Nutzen für Gesellschaft und Umwelt zu schaffen und müssen dies transparent und rechenschaftspflichtig umsetzen. Das habe auch in Europa Perspektive, glaubt Heiler, und B Corp könne dies anstoßen. Von Unternehmen, die anders ticken, kann es wohl weder jenseits noch diesseits des Atlantiks zu viele geben.

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HINTERGRUND

Netzwerk der Klassenbesten

B Corp ist ein Netzwerk mit aktuell 1.366 Unternehmern aus 41 Ländern und 121 Branchen. Jedes gewinnorientierte Unternehmen kann Mitglied werden, wenn es in einem Zertifizierungsprozess – dem B Impact Assessment – 80 von 200 Punkten schafft und eine umsatzabhängige Jahresgebühr zwischen 500 und 50.000 Euro bezahlt.

Die Initiative der in Pennsylvania, USA, ansässigen B Lab Foundation wurde 2006 von B. Houlahan, J. Gilbert und A. Kassoy gegründet. Sie finanziert sich durch die Mitgliedsgebühren sowie durch Stiftungen wie Rockefeller, Skoll und Prudential und die Entwicklungsagentur USAID. Das B Impact Assessment wird von einem unabhängigen Expertenkomitee entwickelt. Im Jänner 2016 wird die nächste Auflage veröffentlicht.

© corporAID Magazin Nr. 59
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: B Corp, Patagonia, Natura, Little Sun

 

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