Exporttag

Der einzige Lichtblick

08/2015 - Am 30. Juni glich die Zentrale der Wirtschaftskammer Österreich einem Bienenstock: Am Exporttag würdigte die WKO traditionell die Stützen der heimischen Wirtschaft. Schließlich ist der Export für 60 Prozent des BIP verantwortlich.

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WKO-Präsident Christoph Leitl bei der Eröffnung des Exporttages am 30. Juni.

Der Konsum ist schwach, die Investitionen gehen zurück. Der Export ist derzeit der einzige Lichtblick“, stellte WKO-Präsident Christoph Leitl beim Exporttag der Wirtschaftskammer Österreich am 30. Juni gleich zu Beginn klar. Und untermauerte sein Statement mit Fakten: „60 Prozent des BIP oder 178 Mrd. Euro werden über den Export erwirtschaftet.“ Die WKO-Zentrale gleiche beim Exporttag einem gigantischen Bienenstock, mit rund 3.000 Unternehmern, „und wie in jedem Bienenstock gilt es, sein Ziel zu finden“. Längst seien die Zeiten vorbei, als es hieß, Export sei nur etwas für wenige hochspezialisierte Unternehmen. „Heute exportieren 52.000 Betriebe Waren im Wert von 130 und Dienstleistungen um rund 50 Mrd. Euro“, so Leitl, der aber auch beklagte, dass eine Arbeitsstunde in Österreich erstmals mehr koste als in Deutschland. Und die Schweiz mit mehr als 10.000 Außenhandelsverträgen eine Steilvorlage darstellt. Leitl kämpferisch: „Wir müssen handeln!“


Der ehemalige Spitzenmanager Claus Raidl präsentierte seine Rezepte für die Wirtschaft von morgen.

Vernunft statt Risiko Dass konsequentes Handeln zum Erfolg führt, zeigte Gerlinde Kaltenbrunner in ihrem Vortrag. Die österreichische Extrembergsteigerin hat als erste Frau alle Achttausender bestiegen und zog in einem packenden Diavortrag Parallelen zwischen Extremsport und Unternehmertum: „Scheitern und Erfolg stehen oft nahe beieinander. Das Ziel darf dennoch nie aus den Augen verloren werden, auch wenn man manchmal umkehren und neu beginnen muss.“

Der ehemalige Spitzenmanager Claus Raidl analysierte in seinem Vortrag die Schwachstellen des Standorts Österreich. Und listete eine ganze Reihe an Rankings auf, die der Alpenrepublik nicht unbedingt schmeicheln, etwa den Competitiveness Index der Weltbank, der Österreich nur auf Platz 21 reiht. Und dem Corruption Perception Index CPI zufolge liegt Österreich gar auf Platz 26. „Das Schiff sinkt langsam, aber es sinkt“, warnte Raidl in Richtung der politischen Verantwortungsträger. Laut letzten Prognosen werde Österreichs Wirtschaft heuer nur um 0,8 Prozent wachsen, in Deutschland werden 1,7 und 2016 gar 2 Prozent Wirtschaftswachstum erwartet. „Was funktioniert bei uns nicht, dass wir mit Deutschland nicht mitwachsen können?“, fragte Raidl und hatte auch gleich die Antwort parat: Die Lohnstückkosten seien zu hoch.


Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner verglich Extremsport und Unternehmenertum.

Raidl ortete zudem Nachholbedarf bei der Gewerbeordnung und bezeichnete die Steuer- und Abgabenpolitik als „miserabel“: „Die Regierung sollte sich hinstellen und sagen: In zehn Jahren werden wir die Steuerbelastung auf unter 40 Prozent senken.“ Warum keine effektiven Reformen in Angriff genommen werden, liegt Raidl zufolge an der fehlenden Streitkultur. „Wir alle wissen, was zu tun ist, aber nicht, wie wir danach wiedergewählt werden“, zitierte Raidl den EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker. „Unsere Politik kennzeichnet Gegenwartsversessenheit und Zukunftsvergessenheit“, so Raidls hartes Urteil.

Chancen für Mobilität In den Info-Sessions zu Verkehrs- und Energiekonzepten der Zukunft beleuchteten Wirtschaftsdelegierte und Experten Chancen für österreichische Unternehmen, die sich durch das Aufkommen alternativer Mobilitätslösungen und Energiequellen quer über den Globus eröffnen. Nella Hengstler, Wirtschaftsdelegierte in Nigeria, thematisierte die zunehmende Urbanisierung in Lagos, Afrikas größter Stadt mit 22 Millionen Einwohnern. 200.000 jährliche Neuregistrierungen von Fahrzeugen und 10,5 Millionen Fahrten täglich führen zu hoher Umweltbelastung, Produktivitätsverlusten und Anfahrtszeiten von bis zu drei Stunden. Dies schreit nach alternativen Wegen. Mittendrin in der Bewältigung ist das österreichische Unternehmen Doppelmayr, das mit dem weltgrößten urbanen Seilbahnprojekt für spürbare Entlastung auf den Straßen sorgen möchte: 77.000 Passagiere pro Stunde können dadurch der Blechlawine auf den Straßen entgehen. Die umweltfreundliche und platzsparende Lösung soll zudem als Best-Practice Beispiel neue Märkte erschließen: „Wenn es in Lagos funktioniert, dann auch in jeder anderen Megacity“, so Hengstler.

Über die Erschließung komplett neuer Energiequellen wird in Japan nachgedacht. Michael Otter vom AußenwirtschaftsCenter in Tokio berichtete über ein geplantes Projekt, das Sonnenenergie aus dem All an Basisstationen übertragen soll. Ein Test wurde schon erfolgreich abgeschlossen. Für dieses Megaprojekt wird derzeit nach Technologie- und Finanzierungspartnern gesucht. Chancen für Zulieferfirmen mit Expertise im Energiemarkt ergeben sich auch im Senegal, so der Wirtschaftsdelegierte Christoph Plank. Die unzureichende Stromversorgung macht den Senegal zum „Underperformer“ in Afrika. Vor allem im ländlichen Raum, wo durch die Lage im Sonnengürtel gute Voraussetzungen für Solarenergie vorherrschen, sind Investitionen in Photovoltaik-Anlagen besonders gefragt.

Exporteure im Rampenlicht Was mit Warnungen und Appellen begann und mit Vorträgen fortgesetzt wurde, endete mit der „Export Nite“ im Wiener Museumsquartier samt Verleihung der Exportpreise durch Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und WKO-Präsident Christoph Leitl. „Die ausgezeichneten Betriebe leben vor, wie wichtig der Export von Waren und Dienstleistungen ist, um Wachstum, Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land zu sichern“, sagte Mitterlehner. Zusätzlich zu den Exportpreisen (siehe Kasten Seite 23) wurde Infineon mit dem „Global Player Award“ für die erfolgreiche Internationalisierung des österreichischen Unternehmens ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt Erich Erber, Gründer der Erber AG sowie Vorstandsvorsitzender der San Pacific Investments Pte Ltd. Singapore, den „Expat Award 2015“ als Auslandsösterreicher des Jahres.

In welcher Intensität im nächsten Jahr Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsstrukturen ausgeteilt werden, oder wieder den „Lichtblicken“ der Wirtschaft gehuldigt wird? Der Termin für den nächsten Exporttag steht jedenfalls: Der 21. Juni 2016.

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DIE EXPORTPREISTRÄGER 2015 IM ÜBERBLICK

Bitte lächeln: Die stolzen Exportpreisgewinner auf der Bühne des MQ.

18 heimische Unternehmen wurden am 30. Juni im Wiener Museumsquartier gewürdigt.

Gewerbe und Handwerk
Gold Frequentis AG / Wien

Silber Ventrex Automotive GmbH / Steiermark

Bronze Uniha Wasser Technologie GmbH / Oberösterreich 
Handel

Gold Jacques Lemans GmbH / Kärnten

Silber Camcat-Systems GmbH / Niederösterreich

Bronze Hermann Souvenir, Hermann Schnugg / Salzburg 
Industrie

Gold Doka GmbH / Niederösterreich

Silber Bachmann electronic GmbH / Vorarlberg

Bronze Remus Innovation Forschungs- und Abgasanlagen ProduktionsGmbH / Steiermark 
Information und Consulting
Gold Austria Card-Plastikkarten und Ausweissysteme GmbH / Wien

Silber Compost Systems GmbH / Oberösterreich

Bronze Lichttechnische Planung - Lighting Design Austria e.U. / Niederösterreich
Tourismus und Freizeitwirtschaft

Gold „Mondial Congress“ Mondial GmbH & Co KG / Wien

Silber Larimar Hotel GmbH / Burgenland

Bronze PremiQaMed Privatkliniken GmbH, Privatklinik Döbling / Wien 
Transport und Verkehr

Gold Austrian Airlines AG / Wien

Silber Unitcargo Speditions GesmbH / Wien

Bronze Rail Cargo Austria AG / Wien


© corporAID Magazin 59
Text: Thomas Pechhacker und Clemens Coudenhove-Kalergi
Fotos: WKO/Frank Helmrich

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