Interview

Wir müssen neue Impulse setzen

04/2015 - Volkswirtschafter Fritz Breuss, Leiter des Kompetenzzentrum Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft FIW, sieht in einer Stufe II der Globalisierung eine wichtige Chance, um in Österreich Wirtschaftswachstum zu stimulieren.


Fritz Breuss
liefert laufend Studien und Analysen zu Österreichs Außenwirtschaft.

corporAID: Wie beschreiben Sie die österreichische Exportwirtschaft?

Breuss: Wir sind bei unseren Nachbarn ganz gut vertreten, traditionell stark in Deutschland und der Schweiz. Bis vor kurzem sind letztere aber wenig gewachsen, sodass wir vor allem von der Dynamik in Osteuropa profitiert haben. Außerhalb Europas sind wir hingegen nicht so sehr vertreten.

Woran liegt das?

Breuss: Der österreichische Außenhandel wird nach wie vor sehr stark vom Faktor Distanz getrieben. Heimische Firmen haben schon immer auf den Handel mit nahegelegenen Räumen fokussiert, insbesondere Südost- und Osteuropa. Dann haben wir langsam in Richtung Russland expandiert – das war es dann aber auch schon. Wir sind nie so weit wie deutsche Firmen gekommen: etwa nach Indien, Afrika oder Lateinamerika. Natürlich hängt das auch mit der Firmengröße zusammen. Die Deutschen haben Firmen von Weltmaßstab, in Österreich muss man diese mit der Lupe suchen. Wenn sich ein Unternehmen einmal in einen riskanteren Markt verirrt hat, dann eher aufgrund von persönlichen Beziehungen – daraus sind aber meist keine stabilen Handelsbeziehungen entstanden.

Welche Probleme ergeben sich daraus für Österreichs Wirtschaft?

Breuss: Unser Wachstumsmodell wurde bisher stark durch externe Impulse getragen – einer der wesentlichen Wachstumstreiber war die europäische Integration, insbesondere die Ostöffnung 1989 und die EU-Osterweiterung 2004. Weil der europäische Integrationsprozess nun aber an seine Grenzen stößt, gerät auch unser Wachstum ins Stocken. Eher gibt es Probleme mit den Programmländern im Süden, und auch die verbleibenden Beitrittskandidaten sind eher schwierig, wenn Sie den Westbalkan und die Türkei anschauen. Das hat Konsequenzen: Österreich verzeichnete 2014 weniger als 0,5 Prozent Wachstum, während Deutschland und die EU insgesamt mehr gewachsen sind. Wir müssen also etwas tun und neue Impulse setzen.

Woran denken Sie dabei?

Breuss: Es gibt im Prinzip drei Möglichkeiten: Bei der Geld- und Fiskalpolitik sind uns weitgehend die Hände gebunden. Das zweite sind Strukturreformen, die zu Produktivitätssteigerung führen: Beispielsweise braucht es mehr Marktorientierung auf den Güter- und Arbeitsmärkten. Hier werden aber die Gewerkschaften und Teile der österreichischen Politik nicht mitziehen. Die dritte Möglichkeit ist eine Stärkung und Neuorientierung der Außenhandelspolitik in Richtung mehr Globalisierung.

Österreich sollte versuchen, in der echten Globalisierung Fuß zu fassen, nachdem wir mit der EU-Erweiterung in eine Mini-Globalisierung mit unseren Nachbarstaaten eingestiegen sind. Jetzt gilt es, den Radius zu erweitern, denn die meisten Länder außerhalb Europas wachsen viel stärker. Es ist eine ganz simple Rechnung: Wenn wir uns im Export statt auf ein stagnierendes Europa auf dynamische Drittstaaten konzentrieren, führt das zu mehr Wachstum.

Was braucht es für solch eine Neuorientierung?

Breuss: Unmittelbar kann die Bundesregierung selbst nicht sehr viel machen. Wichtig sind Informationen, wie sie ohnehin im Rahmen von Go international bereitgestellt werden. Wo die Regierung hingegen wirklich gefordert ist, sind die Verhandlungen zu internationalen Handelsabkommen. Das betrifft sowohl TTIP mit den USA als auch Abkommen mit Kanada, Japan oder China. Ein Problem ist hier, dass Österreich insgesamt in der EU relativ schlecht repräsentiert ist und wir dadurch einfach keine aktiven Mitbestimmer sind. Länder wie beispielsweise Schweden sind in Brüssel viel stärker präsent. Österreich sollte da aktiver sein und sich auf EU-Ebene stärker einbringen.

Wie würde Österreich von mehr Globalisierung profitieren?

Breuss:Der Wachstumsbeitrag einer mäßigen Globalisierung liegt im Zehntelprozent-Bereich. Ich habe dazu konservativ angenommen, dass der Anteil unserer Exporte in die EU über zehn Jahre um drei Prozentpunkte sinkt und auf Drittstaaten übergeht. Dazu muss man sagen: Man kann bei Modellrechnungen übertreiben oder untertreiben, ich habe versucht, einen Mittelweg zu gehen. Es könnte mehr sein, wenn wir expansiver und offensiver in Richtung Globalisierung agieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 57
Das Gespräch führte Christoph Eder
Bild: Mihai M. Mitrea/ICEP

 

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