Interview

Schrittweise in schwierige Märkte

02/2012 - Das Netzwerk Projekte International NPI der Wirtschaftskammer unterstützt österreichische Unternehmen bei Kooperationen mit Internationalen Finanzinstitutionen. Warum solche Projekte nicht der erste Schritt in Entwicklungsländer sein können, erklärt NPI-Leiter Reinhold Lopatka.


Reinhold Lopatka
leitet seit September 2011 das Netzwerk Projekte International der Außenwirtschafts-
organisation der WKO. Zuvor war der ÖVP-
Nationalratsabgeordnete Staatssekretär im Finanzministerium und im Bundeskanzleramt.

corporAID: Sie leiten das Netzwerk Projekte International NPI jetzt seit knapp einem halben Jahr. Was hat Sie an dem Job interessiert?

Lopatka: Ich war in den vergangenen drei Jahren als Staatssekretär im Finanzministerium mit den Internationalen Finanzinstitutionen betraut und kannte daher das NPI. Als ich dann über das Wirtschaftsministerium erfuhr, dass hier ein Einstieg möglich ist, habe ich mich dafür beworben, vor dem Hintergrund, dass ich mit dem Thema vertraut bin und auch die wichtigsten Akteure in Österreich sehr gut kenne. Auch hatte ich in den vergangenen Jahren beruflich eine Menge mit den Außenwirtschafts-Delegierten zu tun, beispielsweise beim Abschluss von Soft Loan-Abkommen durch das Finanzministerium.

Daher habe ich die Position beim NPI als Chance und Herausforderung gesehen und ich bin, was die Herausforderungen anlangt, nicht enttäuscht worden – obwohl ich ja erst seit knapp einem halben Jahr dabei bin. Denn schon bei den ersten Marktsondierungsreisen und Gesprächen mit unseren Verantwortlichen etwa bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD hat sich gezeigt, dass sehr wohl Chancen für österreichische Unternehmen da sind, dass die allgemeine Entwicklung es für uns aber gleichzeitig nicht einfacher macht. Was meine ich damit? Die EBRD wandert sozusagen aus unseren Nachbarländern, wo die österreichische Wirtschaft sehr, sehr erfolgreich war, weiter in Richtung Kaukasus und Nordafrika – das sind Märkte, mit denen österreichische Unternehmen weniger vertraut sind.

Umso wichtiger ist es, diese Entwicklungen rechtzeitig an Unternehmer heranzutragen, damit wir diesen Schritt mitgehen und nicht stehen bleiben. Denn bei der EBRD ist es österreichischen Unternehmen in der Vergangenheit gelungen, mit Abstand die Nummer Eins zu sein, was die Umsetzung von Projekten – insbesondere im öffentlichen Sektor – betraf. Zudem verfolgen wir auch bei der Europäischen Investitionsbank ganz konkret einige Projekte, und genauso gilt das für die Weltbank.

Gerade die Kooperation von Unternehmen mit Entwicklungsfinanzierern gilt als nicht einfach – und gleichzeitig beklagen letztere den Mangel an guten Projekten. Das muss für Sie ja auch ein interessanter Perspektivenwechsel sein …

Lopatka: Es treffen hier zwei Welten aufeinander. Die eine – und das merke ich schon bei den Internationalen Finanzinstitutionen IFI – ist ein Denken aus der Finanzwelt heraus, wobei IFI völlig anders funktionieren als Geschäftsbanken. Und die andere ist die Wirtschaftswelt. Bei den IFI sind viele Projekte langwierige Angelegenheiten und oft sehr kompliziert. Dabei muss man natürlich bedenken, dass wir uns hier häufig in sehr schwierigen Märkten bewegen. Ein berühmtes Beispiel ist der Flughafen in Manila auf den Philippinen: ein deutsches Projekt, das mitten in der Umsetzung aus politischen Gründen auf Jahre gestoppt wurde.

Der Vorwurf an die Wirtschaft, dass die Programme nicht genutzt würden, ist meines Erachtens nicht ganz gerechtfertigt, zumal die Finanzierung durch die IFI sicher ganz essenziell ist, aber eben auch nicht alles.

Einen ersten Einstieg – und hier ist der Anteil der öffentlichen Förderung, die so genannten Grants, auch am höchsten – bieten da die Wirtschaftspartnerschaften der Austrian Development Agency ADA. Ein zweites Level ist das Angebot der Soft Loans seitens des Finanzministeriums. Hier sind nur mehr ein Teil der zur Verfügung gestellten Mittel Grants und der andere Teil muss von den Firmen refinanziert werden. Darüber hinausgehend gibt es dann noch die Absicherungen über die Oesterreichische Kontrollbank. Und quasi vor diesem letzten Schritt ist das Geschäft der IFI und damit auch die Arbeit des NPI angesiedelt. Das NPI stellt also einen Mosaikstein im österreichischen Institutionensystem dar.

Sollten Unternehmen die genannten Instrumente als Stufenleiter sehen?

Lopatka: Natürlich müssen wir von allen Seiten interessiert sein, dass eine Firma, die einmal eine Wirtschaftspartnerschaft umgesetzt hat und diesen Markt kennt, auch bereit ist, einen zweiten Schritt zu setzen. Und eine Firma, die über einen Soft Loan – und da gibt es österreichische Firmen, die das stark nützen – in einem solchen Markt ist, ist dann auch eher bereit, ein IFI-finanziertes Projekt zu machen.

Und hier die Zahl der Firmen zu erhöhen, die in diesem Bereich tätig sind, das sehe ich als eine Aufgabe, die ich mit dem Instrumentarium des NPI bewältigen kann: Experten her zu holen, Wirtschaftsdelegationen zu den Banken zu führen, für kleine Gruppen Procurement- und andere Seminare anzubieten, bis hin zur individuellen Beratung – da haben wir ein breites Aufgabenfeld.

Das geht nur, indem man ständig Kontakt hält und Informationen dann auch an die Firmen, die in diesem Bereich schon tätig waren, weitergibt, aber auch angestrengt darüber nachdenkt: Wie kann man neue motivieren einzusteigen, wie schaffe ich es, dass Firmen, die in diesem Bereich schon sehr erfahren sind, Konsortien bilden und andere mitnehmen.

Welche Rolle spielt das gemeinsame Auftreten von österreichischen Unternehmen? Im Konsulenten-Bereich wird das ja mitunter kritisiert.

Lopatka: Das ist teilweise wahr. Doch haben wir eine andere Kultur als beispielsweise die Dänen, wo riesige Büros bereitstehen.

Was wir schaffen können: Wir erfahren aus dem Finanzministerium, dass konkrete Projekte in der Umsetzung sind; Vertreter des Finanzministeriums stellen uns diese detailliert vor; mehrere Firmen lernen einander im Zuge einer solchen Präsentation kennen, und keine wäre groß genug gewesen, das Projekt alleine zu hebeln.

Durch eine konkrete Veranstaltung sind beispielsweise sogar drei Unternehmen zusammengekommen, die jetzt gemeinsam ein Projekt umsetzen. Das Finanzministerium ist sehr froh, jemanden zu haben, der jetzt die notwendige Größe hat. Und wir sind froh, dass wir in dem Fall Pate waren. Konsortien bilden können die Unternehmen letztlich aber nur selbst.

Sind Entwicklungsländer für österreichische Unternehmen besonders schwierige Märkte?

Lopatka: Gerade was Afrika anlangt, stehen wir im Vergleich mit anderen europäischen Staaten am Beginn. Wir müssen aber die Chancen schon sehen, die in den Wachstumsraten liegen. Dann ist aber die Frage: Wie steigen wir ein? Und da ist es mir lieber, wir schaffen es, dass die Wirtschaftspartnerschaften der ADA ausgeweitet werden – was ja jetzt der Fall ist –, oder wir schaffen es in anderen Bereichen über Soft Loans. Und dann kommt vielleicht der Einstieg über ein IFI-Projekt. Aber wichtig ist, dass den handelnden Firmen diese Märkte vertraut werden und dass wir neben den paar Dutzend großen, erfolgreichen Flaggschiffen auch viele kleine Boote da hinaus bringen.


Reinhold Lopatka
im Gespräch mit Christoph Eder

Wie sehen Sie die Wirtschaftskammer als Stakeholder der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit?

Lopatka: Wir starten von unserer Seite her den Versuch, uns hier sehr intensiv einzubringen. Einmal in die allgemeine Diskussion, in der Hoffnung, dass bei grundsätzlichen programmatischen Festlegungen auch der Wirtschaftsteil ausreichend Berücksichtigung erhält und es uns dann gelingt, hier in Zukunft stärker zu kooperieren. Ich gehe auf diese Diskussion offen zu. Ich weiß nicht, was in diesem Prozess letztlich tatsächlich möglich ist. Ich bin hier weder pessimistisch noch optimistisch.

Dazu kommt, dass auch seitens der Wirtschaft ein Verständnis gegeben sein muss für Organisationen, für die Menschenrechte und Armutsbekämpfung im Zentrum stehen, die hier ein rein staatliches Handeln als die adäquate Antwort sehen und die Unternehmen kritisch gegenüberstehen. Daher muss die Wirtschaft gerade bei Themen wie Armutsbekämpfung und Korruption ihren Aspekt einbringen und danach trachten, am Diskussionstisch entsprechend vertreten zu sein. Im neu eingerichteten Entwicklungsbeirat wird AWO-Chef Walter Koren mit am Tisch sitzen – und das ist durchwegs positiv.

Wo sehen Sie konkrete Verbesserungspotenziale in der Kooperation zwischen Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft?

Lopatka: Wir verfügen mit ADA, Entwicklungsbank, Soft Loans und Versicherungen heute über eine breite Institutionenlandschaft und eine Vielzahl an Instrumenten. Verbesserungspotenzial sehe ich im Bereich Projektentwicklung, wo wir heute keine österreichische Umsetzung haben – weder ADA noch Entwicklungsbank implementieren ja selbst Projekte. Wenn uns etwas fehlt, dann ist es genau in diesem Bereich. Und wir dürfen das Thema nicht hin und her schieben, sondern sollten gemeinsam, im Interesse von allen, einen Schritt weiterkommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 38
Das Gespräch führte Christoph Eder.
Fotos: Mihai M. Mitrea

Suche:  
Aktuelle Artikel

Großes Interview: Technologie für eine nachhaltigere Welt

Kommentar: Mehr Präzision

Gastkommentar: Ganzheitliches Compliance Managementsystem

Termine

30.5.2017 BMWFW Expertengespräch: Dialog mit starker Wirkung

12. 6. 2017 corporAID Multilogue: Planning for Impact

13.6.2017 corporAID Seminar: Globale Verantwortung praktisch umsetzen

Sie sind zurzeit nicht angemeldet.
» Anmelden » Registrieren » Passwort vergessen

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at