Interview

Entwicklungsbanken verdrängen Privatkapital

02/2012 - Mikrofinanz-Experte Damian von Stauffenberg glaubt, dass der Mikrokredit immer noch das beste finanzielle Instrument zur Armutsbekämpfung ist, und meint, dass erst zehn Prozent der potenziellen Kunden erreicht sind. Weil Entwicklungsbanken allein aber den Bedarf der Mikrofinanzbanken an Krediten nur zu einem Bruchteil decken können und ohnehin nur lukrative Einrichtungen versorgen, bleibe dem Großteil der Armen der Zugang zu Mikrokrediten verwehrt.


Damian von Stauffenberg
arbeitete 25 Jahre lang unter anderem für die Weltbank und die International Finance Corporation IFC. Mit MicroRate gründete er 1997 die erste Ratingagentur für Mikrofinanzinstitutionen und Mikrofinanzfonds, ist weltweit gefragter Consulter und veröffentlicht auch regelmäßig umfassende Studien zu globalen Trends am Mikrofinanz-Markt.

corporAID: Wie wird sich angesichts von Schuldenkrisen der Markt für Mikrokredite in den kommenden Jahren entwickeln?

Stauffenberg: In Lateinamerika, Afrika und im Nahen und Mittleren Osten, wo wir als MicroRate in erster Linie tätig sind, hat die Mikrofinanzbranche diese Krisen erstaunlich gut überstanden. Aber natürlich gibt es kein Wachstum von 50 oder 100 Prozent mehr wie vor 2008, die Assets der von MicroRate erfassten Micro Investment Vehicles stiegen 2010 lediglich um 12 Prozent.

Muss man sich künftig auf Zuwachsraten zwischen 10 und 20 Prozent einstellen?

Stauffenberg: Mittelfristig wird das wohl so sein. Was mir aber langfristig mehr Sorgen bereitet als das geringere Wachstum, ist die Rolle der institutionellen Entwicklungsfinanzierer. Diese drängen mit Konditionen, bei denen private Investoren kaum mithalten können, die Privaten aus dem Markt.

Wo ist das Problem, wenn Geld von Entwicklungsbanken die Kredite für die Armen billiger macht?

Stauffenberg: Das hat bestenfalls kurzfristig Vorteile für die Armen. Im aktuellen Report „Role Reversal Revisited“ von MicroRate kann man nachlesen, dass heute ein noch stärkeres Aus-dem-Markt-Drängen der Privaten durch die Entwicklungsfinanzierer stattfindet als noch vor vier Jahren. 2007 kamen die Assets der Mikrofinanzinstitutionen zu 54 Prozent von privaten Quellen, 2010 nur mehr zu 42 Prozent. Die Entwicklungsbank-Gelder flossen außerdem zwischen 2008 und 2010 fast zur Hälfte in die zehn größten Mikrofinanzinstitutionen, und das sind genau jene, die ohnehin lukrativ und stabil genug wären, um sich Geld von privaten Anlegern zu holen.

Ist das nicht eine übliche Entwicklung, dass die Größeren und Lukrativeren übrig bleiben?

Stauffenberg: Beim Mikrokredit geht es um Armutsminderung für geschätzt eine Milliarde oder noch mehr Menschen auf der Welt und nicht nur um Geschäfte. Aktuell werden trotz des Booms des vergangenen Jahrzehnts erst rund zehn Prozent der potenziellen Kunden mit Mikrokrediten versorgt. Langfristig werden, wenn der Trend so weiter geht, die Privaten vom Markt gedrängt, weil für sie nur Investments in kleine und meist riskantere Mikrofinanzinstitutionen übrigbleiben. Die Entwicklungsbank-Gelder allein können niemals die globale Nachfrage nach Mikrokrediten decken.

Wie kann dieser Verdrängung entgegengewirkt werden?

Stauffenberg: Dieses Trophy Lending von Entwicklungsbanken, das mehr vom Bestreben motiviert ist, ein großes Mikrofinanz-Portfolio vorzeigen zu können als sich an den Bedürfnissen der Armen zu orientieren, kann nur politisch gestoppt werden. Die öffentlichen Eigentümer der Entwicklungsfinanzierer müssen auf den Tisch hauen und den Managern sagen, dass sie tun sollen, was ihnen gesetzlich aufgetragen wurde. Nämlich, dass Entwicklungsfinanzinstitutionen Instrumente zur Entwicklung sind und nicht Geldfabriken, die die am niedrigsten hängenden Früchte ernten sollen.

Stehen die Entwicklungsbanken wegen der Knappheit der Entwicklungs-Budgets nicht unter einem starken Erfolgsdruck, können daher also wenig riskieren?

Stauffenberg: Man kann immer politische Gründe als Vorwand nehmen, um etwas nicht zu machen. Die multilateralen Entwicklungsbanken stehen als internationale Organisationen gar nicht so unter dem öffentlichen Druck eines Landes, doch auch sie wollen nur große Mikrofinanz-Volumina vorweisen. Sie sehen das am Beispiel Indien, wo der Mikrofinanz-Sektor seit längerem in einer schweren Krise steckt. Da die kommerziellen Banken aufhören, den Mikrofinanzinstitutionen Geld zu geben, stehen immer mehr Menschen am Rande des Abgrundes. Hier könnten die großen Entwicklungsbanken mit einer Geldspritze, die sofortige Wirkung hätte, einspringen.

Welche Rolle spielt die Finanzkrise für lokale Mikrofinanzkrisen?

Stauffenberg: Die Mikrokredit-Krise in Indien hat am allerwenigsten mit der Finanzkrise zu tun. Am Balkan, speziell in Bosnien, schlägt die Finanzkrise sicher auf den Mikrofinanzsektor zurück, dort kam es zu einer Kredit-Blase. Die Mikrokredit-Krise in Nicaragua war hingegen politisch motiviert, ausgelöst durch die vom Präsidenten ausgerufene No-Pago-(deutsch: Ich zahle nicht-)Bewegung, die zum Rückzahlungs-Boykott führte. Fast jede Art von Finanzdienstleister hat aktuell Probleme, aber das sind isolierte Fälle, umso mehr im noch relativ jungen und vielleicht etwas überbordenden Mikrofinanz-Sektor. Wichtig ist, dass man seine Lektionen lernt und auf die Bedürfnisse der Kunden achtet.

Was sind die aktuellen Bedürfnisse der Mikrokredit-Kunden?

Stauffenberg: Diese sind von Land zu Land verschieden. In Nigeria etwa, wo der Mikrofinanz-Markt gerade erwacht, kann man mit einem Standardprodukt sehr viele Menschen erreichen. Oft beginnt es mit Village Banking und Solidarity Loans. In saturierten Märkten muss man stärker auf spezifische Kundenbedürfnisse achten, etwa in Lateinamerika, Kenia und Uganda. Diese Märkte sind schon weiter entwickelt.

Ist auch der bessere Zugang zu weiteren Finanzdienstleistungen wie Bankkonten, Sparbücher, Mikro-Versicherungen etc. ein Bedürfnis der Armen?

Stauffenberg: Ich bin da skeptisch. Es ist zur Zeit sicher fashionable, weniger auf den Mikrokredit als viel mehr auf Inclusive Financial Services zu setzen. Doch meiner Meinung nach hat der Mikrokredit weiterhin die größte armutsminderne Wirkung. Mit einem Mikrokredit kann ein Armer buchstäblich Wert schöpfen, mit den anderen Services nicht. Diese machen ihm das Leben vielleicht angenehmer und einfacher, aber im Kern sollte es um Armutsreduzierung gehen.

Kann jeder Arme mit einem Kredit Wertschöpfung erzielen?

Stauffenberg: Ganz sicher nicht. Wieviele Arme es jetzt auch gibt, ist eine Definitionsfrage – die Microcredit Summit Campaign nennt immer die höchsten Zahlen. Wieviel Prozent der Armen es sind, denen ein Mikrokredit nützen würde, traue ich mich nicht zu sagen.

Der Mikrokredit ist zuletzt in seiner armutmindernden Wirkung von Teilen der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit angezweifelt worden.

Stauffenberg: Ich stehe akademischen Mikrofinanz-Papieren bisher mit großer Skepsis gegenüber. Auch die Presse schreibt im Moment gerne Negatives zu Mikrokrediten. Vielleicht auch als überspitzte Reaktion auf die positive Hysterie, die noch vor wenigen Jahren herrschte.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 38
Das Gespräch führte Harald Klöckl.
Foto: Mihai M. Mitrea

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